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Die Durchführung der Orthographiereform

autor
titel
Die Durchführung der Orthographiereform.
untertitel
Aus Auftrag der Orthographischen Kommission des Schweizerischen Lehrervereins ausgearbeitet.
verlag
Jacques Huber
ort
Frauenfeld
datum
ausstattung, umfang
gebunden, 29 s.
digitalisierung

google.ch/books

schrift, ortografie
antiqua, ohne ß
umschlag
titel

Kritik

, Jenaer Literaturzeitung,

Das Schriftchen von Götzinger dagegen, das sich durch wissenschaftlichere Haltung und ruhige Objectivität auszeichnet, wird man nicht ohne Interesse lesen. Dasselbe beabsichtigt nicht, wie die beiden andern, irgendwelche Reformanträge zu stellen, sondern es bietet mit besonderer Rücksicht auf die von dem schweizerischen Lehrervereine schon 1872 acceptirten Modificationen der Schreibung eine Besprechung der augenblicklichen Sachlage und der Aufgaben und Schwierigkeiten der nothwendigen Umgestaltung unserer Orthographie.


Text

So ein gfarlich ding ist es um gmeinen irtumb, den man nit nach dem grund, sonder nach der vile deren, die daran sind, schetzt und ermisset: wie leider vor vil hundert jaren biss uf unser zit on alles umsechen geschechen ist.

Vadian, Chronik der Aebte des Klosters St. Gallen, I, 247.


Der schweizerische Lehrerverein hat in seiner letzten Hauptversammlung, welche im August 1872 in Aarau stattfand, für sein Organ, die »Schweizerische Lehrer-Zeitung«, die Annahme einer vereinfachten Orthographie beschlossen und solche mit Januar 1873 ins Leben treten lassen. Er gieng dabei von der Ansicht aus, dass damit ein Anfang, aber auch nur ein Anfang, der thatsächlichen Durchführung der von ihm als dringlich erkannten Reform gemacht werde, auf welchem weiter zu bauen wäre. Zugleich gab eine Kommission, von welcher die Anträge an die Hauptversammlung ausgegangen waren, einem engern Ausschuss den Auftrag, auf Grund der in der Lehrer-Zeitung befolgten Rechtschreibung ein Gutachten auszuarbeiten, das für alle Diejenigen, denen die Prüfung unserer Sache amtlich oder nichtamtlich zusteht, den Stand der Frage beleuchte und auseinander setze, was bis jetzt hier und anderswo geschehen ist und wohinaus nach unserer Ansicht der einmal in Gang gebrachte Strom geleitet werden sollte. – Vorliegende Blätter sind zur Erledigung jenes Auftrages bestimmt.

I.
Geschichtliche Uebersicht der Reformbestrebungen.

Die Bemühungen um eine Reform der deutschen Rechtschreibung, wie sie heute in Frage kommt, datiren von Jacob Grimm; was in frühern Jahrhunderten geschehen ist, war nie das Resultat geordneter, wissenschaftlicher Ergebnisse, sondern vereinzelt gebliebenen, dilettantischen Nachdenkens. Indem Jacob Grimm zum ersten Mal in den innern Organismus der Laute und Wörter Licht brachte, schieden sich ihm von selbst die organischen Elemente der Wörter von Demjenigen, was nicht die in der Sprache waltende Lebenskraft geschaffen, sondern bloss die von der Mode und dem Nothbedürfniss bedingte äussere Buchstabengewandung dem innern Kern als leicht wieder abzulösende Hülle an- und umgeheftet hatte. „Unsere heutige Schreibung liegt im Argen, – schrieb er 1822 in der Vorrede zur deutschen Grammatik – darüber wird Niemand, der mein Buch liest, lange zweifelhaft bleiben. Wie mit ihr zu verfahren, ob sie noch für Aenderungen, nach so vielen widerwärtigen, mit Recht gescheiterten Versuchen, empfänglich sei, verdiente eigens erwogen zu werden. Mittel und Wege dazu lehrt meine Darstellung kennen.“ An einem andern Orte drückt er sich folgendermassen aus: „Es bleibt übrig, einen Gegenstand zu berühren, vor dem mir bangt, ich meine die Art und Weise, wie wir unsere Sprache mit Buchstaben schreiben. Dies köstliche Mittel, das fliegende Wort zu fassen, zu verbreiten und ihm Dauer zu sichern, muss allen Völkern eine der wichtigsten Angelegenheiten sein, und die Freude, welche eine vollkommene Schrift gewährt, trägt wesentlich dazu bei, den Stolz auf die heimische Sprache zu erhöhen. Vor mehr als 800 Jahren, zu Notkers Zeiten in Sankt Gallen, war es besser um die deutsche Schreibung bestellt, und auf das genaue Bezeichnen unserer Laute wurde damals grosse Sorgfalt gewendet; noch von der Schrift des 12. und 13. Jahrhunderts lässt sich Rühmliches melden; erst seit dem 14. Jahrhundert begann sie zu verwildern. Mich schmerzt es tief, gefunden zu haben, dass kein Volk unter allen, die mir bekannt sind, heute seine Sprache so barbarisch schreibt wie das deutsche.“ Noch bestimmter sagt derselbe Meister in der Vorrede zum deutschen Wörterbuche: „Ich wollte auch den Wust und Unflat unserer schimpflichen, die Gliedmassen der Sprache ungefüg verhüllenden und entstellenden Schreibweise ausfegen; ja dass ich dafür den rechten Augenblick gekommen wähnte, war einer der Hauptgründe, mich zur Uebernahme des Wörterbuches zu bestimmen, dessen ganze Ordnung fast an jeder Stelle durch das Beibehalten der unter uns hergebrachten Orthographie sichtbar gestört und getrübt werden müsste. Es ist nichts kleines, sondern etwas grosses und in vielen Dingen nützes, seine Sprache richtig zu schreiben. Das deutsche Volk hängt aber so zäh und unberathen an dem verhärteten schlimmen Missbrauch, dass es eher lebendige und wirksame Rechte, als von seinen untaugenden Buchstaben das Geringste fahren Hesse. In den letzten Jahrhunderten trägt die deutsche Schreibung so schwankende und schimpfliche Unfolgerichtigkeit an sich, wie sie in keiner andern Sprache jemals stattgefunden hat, und nichts hält schwerer, als diesen Zustand zu heilen. Man hat sich von Jugend auf an ihn gewöhnt, und Niemand kann den Leuten ungelegener kommen, als der sich dawider erhebt. In Kleinigkeiten abzuweichen, das wird belächelt und allenfalls geduldet; wem aber gründliche Umwandlungen rathsam scheinen, der darf sich auf jede mögliche Gleichgültigkeit und Unkenntniss der Sache fassen.“

Es wäre ermüdend und für unsern Zweck fruchtlos, alle auf Grimms Anregungen hin veranlasste, bald willkürlicher, bald massvoller gehaltenen Reformvorschläge einzelner Gelehrter, Schulmänner und Schriftsteller hier vorzuführen. Sie häufen sich am Ende der Vierzigerjahre und reichen bis in unsere Tage. Den Vorschlägen Einzelner schlossen sich bald Kommissionsvorschläge an, welche aus der Besprechung grösserer oder kleinerer Lehrerschaften hervorgieugen. Dass zwischenhinein immer wieder auch die Vertreter der alten Orthographie das Hergebrachte vertheidigten, liegt in der Natur der Sache.

Im Allgemeinen liessen sich vorerst zwei Strömungen der Orthographiereform unterscheiden: 1) Eine Ansicht, die von vornherein grundsätzlich die Herstellung einer Kongruenz der Schreibung mit der Aussprache forderte. Da nämlich die deutsche Schreibung, so sehr sie im Ganzen und Grossen von jeher den Grundsatz befolgte, so zu schreiben, wie man spricht, doch in sehr vielen Fällen von ihrem Prinzipe abwich, meinte man, diese Abweichungen mit einem Male ausmerzen und den Schreibgebrauch dem Gebrauch der Aussprache für immer unterordnen zu können. Es ist dies die einseitig phonetische Schreibweise. Hat diese Richtung von der historischen Sprachwissenschaft zwar die Anregung zu Reformen und den Widerwillen gegen die bestehende Schreibweise empfangen, so ist im Uebrigen innerhalb ihrer Thätigkeit schon desshalb der Willkür Thür und Thor geöffnet, weil. die Grimm’sche Forschung damals noch mit den Gesetzen der Aussprache sich wenig oder gar nicht beschäftigte, als einem Elemente der Sprache, das für die Einsicht in den Organismus der neuhochdeutschen Schriftsprache kaum in Betracht zu kommen schien. 2) Eine Ansicht, welche im engen Anschlusse an die historische Grammatik alles dasjenige von der Schrift entfernen wollte, was sich in ihr gegen ihre elementare, organische Beschaffenheit hervorgedrängt habe. Es ist dies die einseitig historische Schreibweise. Sie läugnete überhaupt die Berechtigung der heutigen Aussprache auf die Orthographie sowohl als auf die durch das Mittel der Aussprachen zu Tage getretene Weiterbildung der Sprache, soweit diese Weiterbildung 8nicht mit den organischen Grundgesetzen der Sprache in Einklang stand. Beide Ansichten trafen in der Entwerthung derjenigen orthographischen Elemente überein, welche weder organische noch phonetische Geltung haben, wie in der Entwerthung des Dehnungs-h, in der Verwerfung des v statt des phonetisch-organisch richtigen f; sie giengen aber auseinander, sobald es sich um einen Laut oder eine Lautverbindung handelte , die man nicht mehr ausspricht, die aber organisch einst vorhanden , also im Wesen des ,Lautes begründet ist1 oder umgekehrt, sobald es sich um einen Laut oder eine Lautverbindung handelte, die nach den alten organischen Sprachgesetzen, wie sie sich besonders im Mittelhochdeutschen geltend machten, nicht vorhanden sein dürften, trotzdem aber in Folge verschiedener neuerer Einflüsse sich Geltung verschafft haben. Die Lautverbindung ie im Artikel die spricht sich heute als Verbindung des Konsonanten d und des Vokals i aus; organisch aber besteht sie aus dem Konsonanten d und dem Diphthong ie; die Phonetiker verlangen daher, dass di, die Historiker, dass die geschrieben werde. – Der Artikel das spricht sich heute als Verbindung des Konsonanten d, des Vokals a und des Konsonanten s aus;organisch aber besteht das Wort aus dem Konsonanten d, dem Vokal a und dem weichen z, welches jetzt sz heisst; die Phonetiker verlangen daher die Schreibung das, die Historiker daz oder dasz. – Die Konjunktion denn spricht sich heute als Verbindung des Konsonanten d, des Vokals e (in seinem offenen Laut) und des Konsonanten n aus; organisch ist es das aus danne umgelautete und verkürzte denne. Die Historiker schreiben daher mit der üblichen Schreibweise denn, ein einseitiger Phonetiker schlug vor, dän zu schreiben.

Der Streit zwischen den einseitigen Phonetikern und den einseitigen Historikern wurde vermittelt durch Rudolf von Raumer, Professor in Erlangen. Als ein anerkannter Kenner der deutschen Sprachwissenschaft hat Raumer an der Hand der Entstehungsgeschichte der neuhochdeutschen Sprache für beide Richtungen die Grenzen festgestellt 9und es ist seine Ansicht heute die massgebende. Nach derselben ist unsere Rechtschreibung unbedingt einer Reform bedürftig. Eine solche aber hat auf keinen Fall das Recht, die lautliche Form der Wörter, wie sie sich durch die Aussprache der Gebildeten und noch mehr durch das seit Luther wirkende neuhochdeutsche Schriftthum gebildet hat, aus Rücksicht bloß auf die Geschichte der Sprache dergestalt anzugreüen und umzuändern, dass die geltende Aussprache damit in Widerspruch geräth. Damit sind die auf einseitig historischer Basis stehenden Bestrebungen der Historiker, sofern sie mit der heutigen Sprache in Widerspruch geriethen, zurückgewiesen. Den einseitigen Phonetikern gegenüber verlangt Raumer die Anerkennung des bestehenden neuhochdeutschen Sprachzustandes und räumt ihnen bloss das Recht ein, innerhalb des bestehenden neuhochdeutschen Sprachorganismus die bloss der Schrift anhaftenden Unregelmässigkeiten und Unzulänglichkeiten abzuthun. Die Reform hat stets bloss die Aufgabe, die Schrift zu korrigieren, nie die Sprache selbst. Theoretisch ist auch Raumer überzeugt, dass das letzte Ziel unserer Reformbestrebungen das sein sollte, dass kein Zeichen mehr als einen Laut und kein Laut mehr als ein Zeichen haben dürfe, dass also alles, was u lautet, auch u geschrieben und nicht bald durch u, bald durch uh, bald durch hu (keiligt-hu-m) bezeichnet werde; alles, was i lautet, soll i geschrieben, und nicht bald durch i, bald durch ih, bald durch hi, bald durch ie bezeichnet werden. Dagegen ist Raumer der Meinung, dass dieses letzte Ziel sich bloss allmählich durch immer grösser und fester werdende Ueberzeugung von der Richtigkeit dieser Grundsätze erreichen lassen werde; dass es angezeigt sei, diejenigen Inkonsequenzen der neuhochdeutschen Schreibung, die guten historischen Grund haben, vorläufig noch zu schonen, und dass sich die Reform vorläufig auf die Festsetzung der schwankenden Fälle zu beschränken habe.

Diese Beschränkung auf Festsetzung der schwankenden Fälle bei sonstiger Festhaltung au der alten Rechtschreibung war auch das 10Resultat einer in den Jahren 1859 und 1860 angeordneten Besprechung der Orthographiefrage in vielen deutschen Lehrervereinen. Wann nur erst, was in der Schreibung bereits schwankend geworden, wieder von neuem fixirt wäre, meinte man, so könnte sich die Schule damit zufrieden geben. Und wirklich hatte in Folge der allerorts mit Ernst und Eifer betriebenen deutschen historischen Sprachstudien die Achtung vor den, bis zu Jacob Grimm's Zeiten, in unbedingter Geltung bestandenen Orthographiegesetzen bedenklich abgenommen ; denn je mehr wir uns bewusst wurden, dass die Sprache überhaupt kein systematisch zusammengeordnetes, ein für alle mal abgeschlossenes System von Lauten, Wörtern, Sätzen sei, sondern ein von Innen heraus sich nach ureigenen Gesetzen gestaltendes Leben, da konnte es nicht anders sein, als dass mit dem Wahne von der Unfehlbarkeit der Sprachregeln auch der Wahn von der unumstösslichen Wahrheit der Schriftregeln dahin schwand. In immer weitem Kreisen wurde vielmehr das Bedürfniss rege, statt der alten Regeln, ob sie auch mit neuem Ausputz versehen wären, ein Sprachgewand zu erhalten, das dem lebendigen Walten und Wirken des Sprachgeistes gemäss wäre.

So verstummte denn der Ruf nach grundsätzlicher Orthographiereform nicht; sie wirkte vielmehr in Kundgebungen einzelner Freunde derselben, wie grösserer Korporationen, und es fehlte auch nicht an praktischen Versuchen zur Einführung einzelner Theile der Reform in Schriften verschiedenster Art. Besonders gewann der Gebrauch der runden Schrift und der kleinen Anfangsbuchstaben der Substantive mehr und mehr Boden. Nicht bloss Fachzeitschriften, sondern auch eine sich jährlich mehrende Zahl populär wissenschaftlicher Werke räumten immer mehr mit Dehnungszeichen auf. So hat das angesehene Blatt, der „Frankfurter Aktionär“, längst die Dehnungen grossentheils abgeschafft. Werke des Naturforschers Brehm haben bedeutende Breschen in das System der Dehnungszeichen geschossen. Professor Ludwig schreibt in seinem Buche „Agglutination oder Adoption“ (Prag 1873) z. B. diser, lautlere (Lautlehre), vilmer, ser, anname, vernemen, gefül, entberlich, one, verfaren u. s. w. Sogar in Lesebüchern findet man bereits z. B. Los (statt Loos), Ware, bestelen (statt bestehlen), Lorber, Mut, Volkstum. In der populärsten deutschen Literaturgeschichte, nämlich derjenigen von A. F. C. Vilmar, treffen wir schon Formen an wie Gegenteil, nötig, Jarhundert, verraten, anmutig, Warheit, Erzälung, Anzal, Gemüter, Not, Mut, Vermälung, frölich, Fart u. v. a. Der Sohn des oben Genannten, Otto Vilmar, ging in seinem Kommentar zu Göthe's Faust („Zum Verständnisse Göthe‘s“, 1861) noch weiter und schrieb z. B. diser, wider, Gefül, siht, Beispil, Sig, diss, tun, ligen, gebliben, füren, vil, begirig, verzeren, woltätig, zurückkeren, Tor, gefärlich, gewont, erwänt u. s. w. Die Stenographie hat längst sämmtliche Dehnungszeichen preisgegeben und befindet sich ganz wohl dabei. – Im deutschen Lehrerverein kam die Orthographiefrage nie zur Ruhe. Auch der Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner, welche im Jahre 1868 in Halle tagte, wurde eine Reihe darauf bezüglicher Thesen von Professor Zacher vorgelegt, deren eine alle für die Quantitätsbezeichnung üblich gewordenen Surrogate als theoretisch verwerflich erklärte. Von den vielen Schriften, die für die grundsätzliche Reform eintraten, erwähnen wir eine zuerst in der Allgemeinen Augsburger Zeitung erschienene Arbeit von Adolf Bacmeister, die sich jetzt in dessen „germanistischen Kleinigkeiten“ findet; sodann die Schrift von S. Lefmann, Professor in Heidelberg, über deutsche Rechtschreibung (Heft 129 der Sammlung wissenschaftlicher Vorträge von Virchow und Holtzendorff), worin der Abschaffung der deutschen Schrift, der Majuskeln der Substantiven und der Dehnungszeichen unbedingt und von bestunterrichteter Seite das Wort gesprochen wird.

II.
Die Grundzüge der Reform.

Die Frage der Orthographiereform ist längst aus dem Stadium blosser schriftstellerischer Kontroverse getreten. Sie ist zur prinzipiellen Frage geworden, der gegenüber eine ganze Reihe öffentlicher Faktoren, die Forschung, die Schule, das Schriftstellerthum, die Journalistik, der Buchdruck mehr und mehr sich gezwungen sehen, Farbe zu bekennen. Wir wollen nicht abläugnen, dass es auch heute noch nicht an öffentlichen Stimmen fehlt, welche die Reformbestrebungen verfehlt, unzeitgemäss, unreif, ja vernunftwidrig finden; welche der Reformbestrebung auf dem Gebiete der Rechtschreibung dadurch den Kredit zu rauben meinen, dass sie behaupten, es zeige sich darin bloss eine der vielen auf hohlen Grund gebauten Fortschrittsbestrebungen. Dem gegenüber darf sich die orthographische Reform getrost auf eine Reihe der angesehensten Namen berufen, die sich ihr angeschlossen haben, darf, ohne ungerecht zu sein, einen grossen Theil des Widerstandes, den sie gefunden hat und noch findet, auf Rechnung der Trägheit, der Voreingenommenheit für die liebe Angewohnheit setzen. Unsere Zeit ist seit bald einem Jahrhundert reich an reformistischen Thätigkeiten aller Art, auf dem Gebiete des Staates, des Rechtes, der Wissenschaft, der Technik, der Industrie, der Kirche, der Schule. Wo aber wäre diejenige Reform zu suchen, der es nicht an Feinden solcher Art gefehlt, die bloss desshalb dem Neuen entgegen sind, weil sie es nicht kennen, und zu bequem sind, es kennen zu lernen. Es müsste wahrlich für die deutsche Sprachwissenschaft, von der doch sonst nach unser aller Zuversicht so grosser Segen entquollen ist, es müsste schlecht um sie stehen, wenn sie die Reform der Rechtschreibung, die ihr erster Meister schon von Anfang seiner Thätigkeit bis zu seinem Lebensende als dringend nothwendig erkannt 13und erklärt hat, nur als eine Marotte auf ihre Fahne geschrieben hätte. Wo ist eine ächte Wissenschaft, die sich diesen Vorwurf bieten lässt? Und wie reimt sich die Unthätigkeit der grossen Menge und ihre beharrliche Stimmung gegen die Reform damit, dass man sonst so gerne bereit ist, der strengen wissenschaftlichen Forschung den Vorwurf zu machen, sie wisse nicht in das Leben einzugreifen? – Hier weiss sie es, will es und verlangt es.

Und wenn nur neben die strengere Forschung die Männer der Schule, der Volksschule insbesondere, sich gesellen; wenn diese aus ihrer Erfahrung heraus das Bedürfniss nach einer Reform der Rechtschreibung sozusagen einstimmig betonen: wer mag dann behaupten, dass alles nur Humbug, nur Haschen nach Neuem sei? Die gelehrtesten Vertreter der Frage haben die Theilnahme der Volksschule stets als nothwendiges Bedingniss des Gelingens hingestellt.

Man hat vielfach betont, dass die Frage der Rechtschreibungsreform noch lange nicht genug geläutert sei, um spruchreif erklärt werden zu können. Wir wollen nicht fragen, wem es denn zustehe, die Spruchreife zu erklären, den Wissenden oder den Unwissenden, oder ob überhaupt bei solchen, den Verkehr stark berührenden Fragen jemals eine Zeit komme, wo jedermann zugeben würde, dass die Sache spruchreif sei. Spruchreif in diesem Sinne werden die Reformfragen erst, wenn über sie längst gesprochen ist. Sondern das dürfen wir betonen, dass in dem Ziele der Reformbestrebungen bei weitem die Mehrzahl einig ist, ganz besonders über unsere ersten zwei Punkte. Es mag am Platze sein, die von der Aarauer Versammlung adoptierten fünf Punkte hier gesondert nach dieser Rücksicht durchzugehen.

1. Vertauschung der deutschen Frakturschrift mit der lateinischen Schrift (Antiqua). Es dürfte kaum mehr nöthig sein, die historische Sachlage über die Entstehung der deutschen Schrift darzulegen. Jedermann weiss, dass sie nichts anderes ist als diejenige Form der lateinischen runden Schrift, die im Mittelalter dem Geschmack der Mönche gemäss mit Ecken versehen wurde. Eine Reihe von Ländern, die an 14der Bildung des Mittelalters theilnahmen, hat Jahrhunderte lang dieselbe eckige Schrift besessen. Alle aber haben sie aufgegeben, nur Deutschland nicht. Deutschland meinte, das Eckige an der Schrift sei das charakteristisch Deutsche. 250 Jahre sind verflossen, seitdem die deutsche Dichtung; noch längere Zeit, seitdem die deutsche Kunst, die deutsche Geistesbildung überhaupt, die Formen des Mittelalters in weltlichen Dingen preisgebend, zu den vorn klassischen Alterthum überkommenen, schönen und einfach edeln Formen zurückgekehrt ist; kein Lebensbedürfniss hat so lange der neuen Richtung zu widerstehen vermocht als die Schrift, und man wird es einst als ein rechtes Wahrzeichen der deutschen Bedenklichkeit erzählen, dass man bei uns bis tief in‘s 19. Jahrhundert – gebe Gott nicht auch in‘s zwanzigste – der Meinung gewesen sei, die eckige Schrift sei deutsch und sei schöner als die runde. Dass man mit Annahme der runden Schrift zugleich in den Schriftkreis sämmtlicher europäischen Kultursprachen eintritt, braucht kaum erwähnt zu werden. Auch das sollte ausser allem Zweifel sein, dass die Schule durch Annahme der runden Schrift als Kurrentschrift viel gewinnt. Wir wissen wohl, dass daneben noch Jahre lang die eckige Druckschrift wird gelesen und gelehrt werden müssen, eine Arbeit übrigens, die kaum irgend erhebliche Mühe machen wird; dass ferner es auch nach Einführung der runden Schrift als Kurrentschrift in die Volksschule noch Jahre lang gehen wird, bis alle Handlungsbücher und Handlungsbriefe, aller Briefwechsel, alle Rechnungen, kurz alles Geschreibsel, rund wird geschrieben werden. Soll man desshalb mit dem Besseren nicht beginnen, weil es noch einige Zeit brauchen wird, bis alle alte Münze eingeschmolzen ist? Wenn es den Mönchen gelungen ist, aus ihrer Formanschauung heraus die schöne runde Schrift mit Ecken zu versehen, soll es uns nicht gelingen, die Ecken wieder auszurunden? Was zudem der Buchdruck dabei gewinnt, liegt auf der Hand. Unsers Wissens fällt ihm auch der Zwiespalt jetzt schon beschwerlich genug.

2. Abschaffung der Substantivmajuskeln. Wir lassen hier Professor Lefmann (S. 14-16) für uns sprechen: „Man hat die grossen Anfangsbuchstaben aufgebracht in der Absicht, mit ihnen ein Wort vor dem andern hervorzuheben und bemerklich zu machen, in der Weise jenes Landwehrmannes, der vor kurzem an den Heidelberger Frauenverein schrieb. In seinem Schreibebrief waren die Worte „ich, arm, verheiratet, Frau, Kinder, nichts verdienen“ mit grossen Inititialen geschrieben, in der offenbaren Absicht, dem vielmals begrüssten Frauenverein für diese Vorstellungen die Augen und zu· einer Liebesgabe die Hand zu öffnen. Dem armen Landwehrmann war „verdienen“ dabei so gut Hauptwort wie vielen Andern, und meines Achtens liegt in. dieser Art Auffassung eben so viel, ja wohl mehr Sinn, als in einer andern Unterscheidung von Haupt- und Nebenwörtern. Kaum zwei Bücher eines und desselben Schriftstellers mag es geben, worin solche gleichmässig durchgeführt ist. Dazu ist der ganze Unterschied auch nicht einmal grammatischer, sondern logischer Natur. In alten Psalm- oder Gesangbüchern werden „Gott, Herr, Heiland“, darauf bezügliche „ihm, er, sein“ u. s. w. mit einem, zwei oder lauter Initialen geschrieben, und Schottelius bemerkt, dass die Drucker zwar die Nennwörter gross zu drucken pflegen, „solches aber bisher eine freie, veränderliche Gewohnheit“ gewesen. Nachmals haben unsere Schreiblehrmeister das als Regel aufgestellt. Und um den Unterschied für die Schreibung festzuhalten, müsste man die Regel Gottschedischer Sprachkunst fortwährend versuchen, ob sich nämlich „der, die, das“ vorsetzen lässt, um darnach gross oder klein zu schreiben. – Wie schon Andere vor ihm hat Jacob Grimm für die Verbannung der Majuskel vom Anlaute der Substantive das Beispiel gegeben. Ich glaube nicht – sagt der letztere – dass durch dieses Weglassen irgend ein Wort undeutlich geworden ist. Für sie spricht kein einziger innerer Grund, wider sie der beständige, frühere Gebrauch unserer Sprache bis in‘s 16. und 17. Jahrhundert, ja der noch währende aller übrigen Völker, um nicht die Erschwerung des Schreibens, die verscherzte Einfachheit der Schrift anzuschlagen. Man braucht nur dem Ursprung einer so pedantischen Schreibweise nachzugehen, um sie zu verurtheilen; sie kam auf, als über Sprachgeschichte und Grammatik gerade die verworrensten Begriffe herrschten. Näher besehen hat man ihr auch schon verschiedentlich entsagen wollen; die Abhandlungen der pfälzischen Akademie, der vossische Homer sammt andern Schriften sind ohne grosse Buchstaben gedruckt. – Gewiss wird damit an Deutlichkeit auch für den trägsten Leser wenig oder nichts verloren – man brauchte es nur mit dem Latein oder Französisch einmal zu versuchen –, für die Einfachheit und Sicherheit, wenn man die grossen Anfangsbuchstaben bloß auf briefliche Anredeformen, auf Eigennamen und Absatz- oder Satzanfänge beschränkte, ungemein viel gewonnen, und kurz, die Sprache wäre von einer hässlichen Entstellung, von einem Uebergriff seitens der Schrift befreit.“

3. Abschaffung der Dehnungszeichen. Bei Punkt 1 sowohl als bei 2 kommt das historische oder phonetische Prinzip überhaupt gar nicht in Frage. Dieses erscheint erst in diesem dritten Kardinalpunkte. Es ist zugleich derjenige Punkt, wo die Frage nach der Art der Reformeinführung, ob allmälich oder plötzlich, zuerst auseinander geht. Die Einführung der lateinischen Schrift und der kleinen Anfangsbuchstaben für die Schule kann nicht anders als plötzlich geschehen; bei der Beseitigung der Dehnungszeichen ist es möglich, langsamer vorzugehen. Dieses ist auch der Punkt, in dem seiner Zeit die einseitig historische und die einseitig phonetische Schule auseinander giengen ; nach Raumers und der Mehrzahl der Forscher Ansicht hat das historisch-phonetische Prinzip die einzige Berechtigung.

Wir führen nochmals, damit übelberichtete oder übelwollende Leute uns nicht absichtlich oder unabsichtlich missverstehen, den Kardinalgrundsatz der historisch-phonetischen Reform an, dass es sich um nichts anders als um die Schreibweise der in den Denkmälern der neuhochdeutschen Sprache niedergelegten , neuhochdeutschen Schriftsprache handelt, und dass in keinem einzigen Falle der willkürlichen landschaftlichen Aussprache Einfluss auf die Schreibweise gestattet ist. Diese neuhochdeutsche Sprache, die wesentlich Schriftsprache ist, hat nun, wie alle geschriebenen Sprachen, ihre Schriftzeichen in erster Linie zu dem Zwecke bestimmt, dass durch dieselben der durch die Sprachwerkzeuge erzeugte Laut schriftlich fixiert werde, gleichgültig, unter welchen besondern Bedingungen er erscheine ; a, e, i, o, u sind die Bezeichnungen der Vokale a, e, i, o, u, ob diese letztem nun lang oder kurz ausgesprochen werden; f, z, k, t, g, p, m, n sind die Bezeichnungen der Konsonanten f, z, k, t, g, p, m, n, ob diese einfach oder geschärft ausgesprochen werden. Im Worte juhe ist u kurz und e lang; aber es wird in der ersten Silbe bloss u und in der zweiten bloss e geschrieben und dem lebendigen Sprachgefühle überlassen, die Länge oder Quantität der Silben richtig an Mann zu bringen. Nun hat man aber in den Jahrhunderten, wo unsern Vorfahren der lebendige Sinn für den in der Sprache wirkenden Genius am meisten abhanden gekommen war, das Bedürfniss gefühlt, auch die Quantität der Vokale, das ist ihre Länge oder Kürze, zu bezeichnen. Zu dem Ende setzte man den Vokal doppelt (aa, oo, ee), oder man fügte ein unhörbares h bei (oh, uh, ih, ah, .eh), oder man setzte ein h vor (ha, he, hu, hi), dies bloss bei Silben, wo ein t dem Vokal vorausging (t-hal, t-hun, t-hon, t-hier, t-hee), oder man fügte dem i ein e bei, und zwar desshalb, weil beim Beginne der neuhochdeutschen Sprachformation der einst organische Doppellaut ie phonetisch zu einem langen i geworden war, wie der einst vorhandene Doppellaut. uo zu einem langen u sich umgebildet hatte; oder man setzte zwei solche Hilfsmittel auf einmal in Bewegung (theer), neben welchen Fällen es übrigens immer noch solche gab, wo die Länge ganz unbezeichnet blieb: vater, kater, statt vaater, vahter oder vather, kaater, kahter oder kather.

Statt die Dehnung zu bezeichnen, könnte man, um zu demselben Resultate zu gelangen, die Schärfung hervorheben. Auch das ist im Deutschen geschehen, durch Doppelsetzung des Konsonanten, und es 18stellt sich nun heraus, dass die Verschärfung bei uns viel grundsätzlicher durchgeführt ist als die Dehnung. Man ist desshalb darin einig, dass die Reform an der Bezeichnung der Vokalkürze festhalten soll, dagegen doppelt Ursache hat, die Bezeichnung der Vokallänge fallen zu lassen. „Alle in der deutschen Schreibung für die Quantitätsbezeichnung üblich gewordenen Surrogate sind theoretisch verwerflich“, sagt Zacher. Zu verwerfen ist also die Quantitätsbezeichnung durch Doppelvokale, durch Vor- oder Nachsetzung eines h, durch Nachsetzung eines e bei i. Da aber im letztern Falle einige ie ursprünglich organischer Natur waren, will eine Partei für die organischen Fälle das ie beibehalten und das e bloss für die unorganische Dehnung preisgeben. Die allgemein übliche Schreibweise hat freilich längst keinen Unterschied mehr zwischen organischen und unorganischen ie gekannt und z. B. das unorganische ie in giebt, siehst beibehalten, während sie das organische in gieng, fieng, hieng, Liecht, dierne, -ieren verworfen hat. Will man das organische e überhaupt beibehalten, so muss man es in einer Unzahl von Wörtern der Konsequenz wegen neu einführen und z. B. auch wieder Buech, füeren, Schue, Kue, Huet, Buesse schreiben, trotz der Aussprache Buch u. s. w. Eine Menge anderer verloren gegangener Laute müsste dann mit dem ganz gleichen Rechte wieder zu Ehren gebracht werden. Wir halten dafür, dass auf einen bloss den Gelehrten bekannten, im Sprachbewusstsein längst aufgegebenen Sprachzustand die lebende Sprache keine Rücksicht zu nehmen habe , und zielen auf gänzliche Preisgebung der Dehnung, wie sie die „Lehrerzeitung“ und eine grosse Anzahl anderer Schriften seit langer Zeit durchgeführt haben.

Indem wir jedoch alle Zumuthungen einer vergangenen Sprachperiode, wenn ihre Wirksamkeit heute nirgends mehr erkennbar ist, zurückweisen, wünschen wir dagegen der gebildeten Aussprache auch in denjenigen Fällen entgegenzukommen, wo sie die Dehnungszeichen nach und nach wieder in den Bereich der lebenden Aussprache gezogen hat. Dies ist der Fall am Ausgang vokalisch auslautender Wörter, die, mit vokalisch anlautenden Endungen versehen, meist den hörbaren Konsonanten h zwischen Stamm und Endung einschieben: fro-h-e, kü-h-e, ge-h-en. Hier soll das h bleiben.

Es scheint am Platze, hier ein Wort einzuschalten über eine Entstehungsweise der Dehnungszeichen, die sich so in die Gewohnheit der deutschen Schrift eingelebt hat, dass viele Gegner der Reform die Sprache selbst in Gefahr gerathen meinen, wenn dieser Gebrauch aufhörte. Es ist die Unterscheidung gleichlautender Wörter von verschiedener Bedeutung – gleichviel, ob von demselben oder von verschiedenen Stämmen herrührend – durch Anwendung verschiedener Dehnungszeichen: lehr – leer; tkon – ton; wider – wieder. Man sagt, durch Aufhebung solcher Unterscheidungen werde die Sprache vornehmlich für Fremde und Kinder unverständlich. Keine Sprache hat für Kinder und Fremde ihr Gewand geordnet, sondern für das Volk, und keiner Sprache ist es je eingefallen, für thörichte oder unerfahrene Leute besondere Sorge zu treffen, also dass sie, was der Geist der Sprache geschaffen, auch wenn es ihm beliebt hätte, denselben Laut zu verschiedenen Zwecken zu verwenden, durch willkürliche, wunderliche Zeichen getrennt hätte. Göthe und Schiller, oder wenn man will, die Schriftsetzer ihrer Zeit, haben das Zeitwort sein mit y (seyn), das Fürwort sein mit i geschrieben. Man hat das y seither aus dem Zeitwort entfernt; beide Worte klingen und sehen sich gleich, und keine Spur von Sprachverwirrung ist desshalb entstanden. Ein Tor müsste sein, wer Thor nicht von Tor zu unterscheiden wüsste, auch wenn beide derselben Buchstaben sich hedienteu. Giebt es doch heute noch weit mehr Wörter verschiedener Bedeutung, die gleich geschrieben werden, als solche, die ungleich geschrieben werden, ohne dass man je klaghaft gegen sie aufgetreten wäre: der Wagen und die Wagen (Mehrzahl von die Waqe) und das Wagen; die Winde (Einzahl) und die Winde (Mehrzahl); der als Artikel, demonstratives und relatives Pronomen u. s. w. u. s. w.

4. Der vierte Punkt betrifft die Verdrängung des v aus deutschen Wörtern. Auch dieser Punkt der Reform ist allgemein anerkannt, seitdem Jacob Grimm aus der Geschichte der Sprache den Nachweis geliefert hat, dass der Organismus der deutschen Zunge in denjenigen Lauten, die sich mit f und v schreiben, nur ein Element besitze. Dem Grundsatze gemäss, dass jeder Laut nur ein Zeichen haben dürfe, muss das bloß dem lateinischen Alphabet zu Liebe aufgenommene v vor dem f, welches immer der Hauptträger dieses Lautes war, die Segel streichen. Die Vorwörter für und vor sind aus demselben Wortstamme hervorgegangen, und es braucht wahrlich wenig Sinn für schöne, das ist organische Rechtschreibung, um einzusehen, dass die jetzige Schreibart von für und vor hässlich ist. Es betrifft übrigens dieser Punkt eine sehr kleine Anzahl von Silben, die·bloss durch die zahllosen Zusammensetzungen mit vor und ver eine nicht unbeträchtliche Rücksicht im deutschen Wörterbuche beanspruchen.

5. Der fünfte und letzte Punkt der vom schweizerischen Lehrerverein befürworteten Reform betrifft die Schreibung der Fremdwörter. Die Geschichte der deutschen Sprache von ihren ältesten Urkunden her weist die nie unterbrochene Bemühung auf, die in die deutsche Sprache eingedrungenen und aufgenommenen Fremdwörter nach Möglichkeit in Laut und äusserem Sehreibekleid dem angebornen Sprachschatze einzuordnen. Neben dieser Bemühung geht freilich die entgegengesetzte Strömung, jedem Fremden, der sich bei uns aufhalten will, möglichst freie Bewegung nach seiner Landesart zu gestatten. Manche Fremdwörter, wie Stil, Papier, Leier, sind längst ganz deutsch· geworden; andere stemmen sich noch. Es ist nun nicht zu läugnen, dass die absolute Einzwängung der Fremdwörter in unseren Sprachorganismus kein unbedingtes Postulat der deutschen Sprachwissenschaft ist. Es hängt von mehr als einem Bildungsverhältniss ab, in wie weit man geneigt sein mag, diesem Postulat Rechnung zu tragen. Besonders stark ist das Bedürfniss nach Einreihung der Fremdwörter in den einheimischen Organismus in der Volksschule, während die höhere Bildung hier wie im bürgerlichen Leben dem sonst tadellosen Fremdling gern seine Eigenart lässt. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Volksschule von den Fremdwörtern stark belästigt wird, um so stärker zwar, je mehr sie dieselben verwendet. Die italienische Orthographie hat die Fremdwörter längst unter das Gesetz der Volkssprache gestellt, und auch in Deutschland ist nicht bloß der langsame Prozess der Einbürgerung unaufhaltsam seinen Weg gegangen, sondern Oesterreich besonders hat bereits in der Schule dem laut und wiederholt ausgesprochenen Begehren nach einheimischer Schriftdarstellung dieser Wortklasse in vielen Fällen entprochen, z. B. ph bereits durch f ersetzt, ein Vorgang, für den eine ganze Reihe hervorragender Schriftsteller, wie Voss, Hölty, Wieland, Jean Paul, Rückert, als mächtige Beweishelfer angerufen werden können.

Die Aufnahme dieses fünften Punktes in unser Programm ist ebenfalls wesentlich in Folge dringenden Wunsches der Volksschullehrerschaft erfolgt.

III.
Mittel und Wege zur Durchführung der Reform.

Der schweizerische Lehrerverein hat dadurch, dass er sein Organ, die „Schweizerische Lehrerzeitung“, in den Formen der von ihm als wünschbar erachteten Neuerung erscheinen lässt, seine Ueberzeugung von der Dringlichkeit der Reform unzweideutig ausgesprochen. Damit schliesst er sich an die seit einem halben Jahrhundert vorhandenen Reformbestrebungen in seiner Gesammtheit au, und gegenwärtige Schrift erachtet es daher als nicht mehr nöthig, nochmals im Zusammenhange die besondern Gründe darzulegen, die den Lehrerverein bei seiner Schlussnahme leiteten. Unzweifelhaft ist, dass der Wunsch der Lehrerschaft zu Recht besteht. Mit Denjenigen, welche eine planmässig durchgeführte Reform eines historisch gewordenen Zustandes von vornherein desshalb verwerflich achten, weil es im Begriffe der Sittlichkeit liege, dass jede Reform nur langsam von innen heraus wirke, wollen wir nicht· rechten. In ihren Augen muss unsere Zeit überhaupt ein wahrer Gräuel vor dem Herrn sein.

Ob im allgemeinen eine Reform möglich, darauf wird die Antwort ebenfalls bald zu finden sein. Es sind viel wichtigere und schwierigere Dinge reformiert worden als die Rechtschreibung: Staat und Kirche, Recht und Schule, Industrie und Handel, Münze und Gewicht, Erziehung und Unterricht, Speise und Kleidung und Wohnung, Landbau und Handwerksbetrieb, alle Lebensformen und Lebenselemente der modernen Kultur haben sich den Forderungen der modernen Bildung und Kultur fügen_ müssen oder sind daran, es zu thun. Sollte die Rechtschreibung, die rechte Schreibung, sich ihr allein entziehen müssen und können? An der Sprache, wir wiederholen das zum Besten denkfauler Tadler, an der Sprache liegt kein Grund dazu ; die Reform beschlägt einzig und allein die Schriftform .und thut keinem einzigen gesprochenen Laute auch nur den mindesten Schaden an. Noch weniger sollte es nach dem Stande der heutigen Bildung nothwendig sein, die Phrase zurückzuweisen, dass ja unsere ersten Dichter und Schriftsteller des 18. Jahrhunderts auch in der alten Orthographie geschrieben hätten. O ja, sie haben auch die Schulen ihrer Zeit besucht, haben den Katechismus ihrer Zeit gelernt, haben Zoll, Münze, Kleid, Wohnung ihrer Zeitgenossen getheilt; aber ihre Dichtung war ein Kind des Geistes, dem Abhängigkeit von der Rechtschreibung zuzumuthen eine Albernheit ist. Alle möglichen Völker haben ihre Rechtschreibung geändert, nachdem sie erkannt, dass eine bessere möglich sei. Was Johannes Huss für seine böhmische Sprachart geleistet, dürfte für unsere Zeit und unsere Sprache keine Hexerei sein.

Gewichtiger fallen zwei andere Bedenken in die Wagschale. Ist es Aufgabe der Schule und liegt· es in der Möglichkeit und im Interesse der Schweiz, einseitig vorzugehen?

Ist es Aufgabe der Schule, mit der Reform vorzugehen? Die Antwort darauf lautet bei Fachleuten und Nichtfachleuten sehr verschieden. Von einer Seite wird den Schulmeistern ernstlich zugeredet, ihre Sache sei, die bestehende Rechtschreibung der Jugend zu überliefern; das Andere gehe sie nichts an. Es werde kommen, wann es Zeit sei. Andere begrüssen das Interesse der Volksschule an der Zeitfrage und wünschen gemeinsames Handeln der Wissenschaft und der Schule. Wieder andere finden, man würde vielleicht schon weiter sein, wenn die Forschung schon früher die Sache weniger ernsthaft und pedantisch angegriffen und man mehr praktisch vorgegangen wäre. Der letztern Meinung hat sich z. B. Bacmeister angeschlossen. Es ist nun ganz wahr, dass der Reformgedanke von der Forschung ausgegangen ist und dass es nicht Aufgabe der Schule sein kann und soll, der Forschung Gesetze vorzuschreiben. Sie will das aber auch nicht und thut es nicht. Der erste Lese- und Sehreibeunterricht in der Volksschule hat längst die gröbsten Schäden der Schreibung offen gelegt; es gieng ohne Murren ab, so lange die Sprache sammt ihrem Buchstabenkleide als etwas festes, unverbesserliches, keinem Wechsel, aber desto strengerer Regel unterworfenes angeschaut wurde. Die Wissenschaft hat diesen Bann gelöst, hat der Sprache ihr Eigenleben zurück gegeben, hat die Regeln gelockert; die Rechtschreibung fieng an, aus den Fugen zu gehen. Jetzt klagte man in der Volksschule darüber, dass man nicht mehr wisse, woran sich zu halten, daher die auf deutschem Sprachgebiete wiederholt angestellten Versuche, die Schreibung von neuem zu bannen. Sie haben den Strom der Sprache und den Fortgang der Rechtschreibung nicht zu hemmen vermögen, so ängstlich sie alle Regeln zusammenstellten. Der Widerstreit zwischen der Natur der Sprache und dem ihr umgethanen fadenscheinigen Gewande blieb bestehen. Man kann den Zustand noch bestehen lassen, wenn man will, die Reform muss schliesslich doch kommen. Wir aber glauben, dass sie jetzt schon begonnen werden dürfe. Die Volksschule begnügt sich dabei, ihre Wünsche darzulegen, wie sie aus ihrer Erfahrung heraus sich festgestellt haben. An Vertretern der deutschen Sprachwissenschaft, die sich an der ernsten Sache betheiligten, fehlt es auch nicht. Es scheint darum, dass ein Anfang mit der endgiltigen Ausführung wohl gemacht werden dürfe.

Der ernsteste Einwand aber, der in der Schweiz heute noch gegen die Reform erhoben wird, ist der, dass es thöricht sei, eine Reform der Rechtschreibung ohne Deutschland vorzunehmen, da wir doch literarisch von Deutschland so sehr abhängig sind. Dieser Einwand war es, der das Erscheinen des vorliegenden Schriftchens um einige Zeit zurückgehalten hat. Wir haben schon erwähnt, dass in Deutschland seit langer Zeit die Lehrervereine sich mit der Reform ebenfalls beschäftigten. Es braucht aber nicht erst des weiten und breiten erörtert zu werden, dass nach deutschem Brauch das Vorgehen von unten her so lange nicht praktischen Erfolg haben kann, als die Staatsbehörden sich nicht zum Eingreifen veranlasst sehen. Es hiess nun vor etwa zwei Jahren, dass das preussische Unterrichtsministerium die Absicht habe, Herrn Professor Raumer zu einem Gutachten aufzufordern, wie die Reform praktisch durchzuführen wäre. Es ist uns aber aus erster Quelle mitgetheilt worden, dass vorläufig noch nichts derart geschehen sei, und est steht nicht bei uns, Muthmassungen darüber auszusprechen, wann Deutschland mit der endgiltigen Durchführung beginnen wird. Auf Unterhandlungen des schweizerischen Lehrervereins mit dem deutschen Lehrerverein für unsern Zweck legen wir für einmal kein Gewicht. Sie würden eine endliche Durchführung schwerlich fördern, dagegen leicht die fruchtlosen Debatten ins Unendliche verlängern.

Ein Abwarten, bis Deutschland beginnt, scheint uns aber überhaupt nicht nöthig, weil das Ziel der Reform heute durchaus gegeben ist und wir durch einseitiges Vorgehen eben einfach mit der praktischen Durchführung Deutschland etwas voraus sein würden. Ein bleibender Zwiespalt kann nicht daraus entstehen. Dass es aber. in Dingen des Verkehrs uns nicht gerade schlecht ansteht, einmal etwas schneller als Deutschland auszuführen, weil es bei uns schneller geht, sollte kein Grund zur Zurückhaltung sein. Auch wenn in Deutschland einmal der erste grosse Schritt geschieht, wird es überall in den verschiedenen Berufszweigen, die von der Reform betroffen werden, und in allen Landestheilen ähnliche Hindernisse zu bewältigen geben, wie sie bei uns existiren. Mit einem einzigen Machtspruche macht sich die Sache hier wie dort nicht.

Sehen wir lieber zu, wie sich unsere fünf Punkte im Verhältniss zu dem, was in Deutschland geschehen kann, verhalten.

1. Die lateinische Schrift können wir jeden Augenblick als Hauptschulschrift erklären, ohne mit Deutschland in irgend einen Konflikt zu gerathen. Es wird dieser erste Schritt auch nothwendig sein, um überhaupt alle andern Reformpunkte durchführen zu können. Die deutsche Druckschrift bleibt als Druckschrift daneben, so lange sie eben nicht verschwindet. Als Schreibeschrift wird jener der erste Platz eingeräumt, wobei es sich von selbst versteht, dass man auf die deutsche Schreibeschrift vorläufig ähnliche Rücksicht nimmt, als es bis jetzt mit der lateinischen Schrift geschah. Es braucht auch gar nicht überall zugleich mit der Einführung der lateinischen Schrift begonnen zu werden; wenn nur da, wo man einmal damit angefangen hat, vorwärts gefahren wird. Auch die in deutscher Schrift gedruckten Schulbücher verlieren damit ihre Benützung nicht; einzig und allein die Lesebücher für die ersten zwei oder drei Schuljahre müssen in lateinischer Schrift erstellt werden. Das andere kann nach Bedürfniss umgedruckt werden.

2. Die Abschaffung der Substantivmajuskeln hängt mit der lateinischen Schrift enge zusammen. Hätten wir gleich den Italienern, Franzosen, Spaniern, Engländern beim Ausgange des Mittelalters die deutsche Schrift fallen lassen, wir hätten die Unsitte der Substantivmajuskeln nie angenommen. Mit Deutschland kommen wir auch bei diesem Punkte nicht in Konflikt.

Es lassen sich nun zwei Wege denken, wie wir die Majuskeln aus der Schrift entfernen. Entweder beginnen wir sofort gleichzeitig mit Einführung der lateinischen Schrift in die Schule als Grundschrift auch mit Abschaffung der Substantivmajuskeln, oder wir versparen die grundsätzliche Abschaffung der Majuskeln auf einen spätem Termin und bereiten die endgiltige Abschaffung dadurch langsam vor, dass wir nicht bloß, wie bis jetzt immer geschehen, in die Fibel Lesestücke ohne Majuskeln aufnehmen, sondern durch alle Kurse hindurch mit einzelnen Lesestücken das Auge an die Majuskellosigkeit gewöhnen, wie es z. B. das Lesebuch von Colshorn und Gödeke bereits thut.

3. Abschaffung der Dehnungen. Auch bei diesem Punkte hilft zur leichteren Durchführung in erster Linie die Aufnahme der lateinischen Schrift. Diese vorausgesetzt, bleibt aber immer noch die Frage offen, ob sämmtliche Dehnungen mitsammt fallen sollen, oder ob man auch hier einen Feldzugsplan zur allmählichen Durchführung dieses Punktes ins Werk richten will. Sehen wir uns wiederum die einzelnen Punkte getrennt an. Die Dehnung wird im bestehenden Orthographiesystem ausgedrückt:

1) Durch Doppelvokale, aa, ee, oo: haar, see, leer, boot;

2) durch unmittelbar dem Vokal nachgesetztes h: fahren, sehr, ohne;

3) durch h vor dem Vokal bei Silben, die mit t anlauten, wodurch es den Anschein erhält, als ob ein Laut th vorhanden wäre : thum, thal, thee;

4) bei Wurzelsilben, die mit t auslauten, durch ein h hinter dem t: niuth, geräth, roth;

5) durch e hinter i: thier, vieh, nie, die, schrieb, spazieren, grenadier.

Von diesen fünf Dehnungsarten ist jetzt schon Nr. 4 auch aus deutschen Schulgrammatiken und sehr vielen Büchern und Schulen verbannt. Ihm am nächsten steht Nr. 3. Ganz einfach ebenfalls und öfters schon durchgeführt ist der Hauptpunkt Nr. 2. Bei Nr. 5 ist alles darin einig, dass in den Fällen, wo das e bei ie nie etwas anders als Dehnung war, das e abzuschaffen sei. Dagegen wehrt sich eine Partei stets noch heftig zu Gunsten derjenigen Fälle, wo ie einst diphthongischen Werth hatte. Einer der Hauptfälle dieser Art ist das ie in den Præteritis der sogen. reduplizierenden Verben gierig, fieng, hieng u. s. w., wo aber gerade die bei uns jetzt schon herrschende Schreibung das ie abgeschafft hat. Von einer Wiedereinführung wird keine Rede sein wollen. So leichte Mühe wir darum haben dürften, auch das diphthongische ie für diesen Fall fallen zu lassen, so giebt es nun doch andrerseits eine Anzahl einsilbiger, viel gebrauchter Wörter, welche mit ie auslauten und wo das ie dem sonst luftig gewordenen Worte einen gewissen Halt zu geben scheint; es sind das die, nie, wie, sie, hie, knie.

Der letztgenannte Punkt, die Stützung eines einsilbigen, vokalisch auslautenden Wortes durch Verdoppelung des Vokals tritt in einigen Fällen bei Nr. 1 ein: See, thee. Die andern Fälle von Nr. 1 schwinden so wie so mehr zusammen und dürften bald von selbst der Vergessenheit anheimfallen.

Als Resultat dieser Umschau ergiebt sich für uns folgendes:Wir haben wieder zwischen zwei Wegen zu wählen; entweder schaffen wir alle Dehnungen sofort miteinander ab, oder wir begnügen uns vorderhand mit den Fällen 2, 3, 4 und 5 (mit Ausnahme derjenigen Wörter, die mit ie auslauten).

4. Der vierte Punkt betrifft die Vertreibung des v aus deutschen Wörtern. Theoretisch steht auch dieser Punkt unbeanstandet fest. In der Praxis haben sich zwei Bedenken gegen ihn geltend gemacht. Das erste Bedenken gegen die Abschaffung des v in deutschen Wörtern stützt sich darauf, dass diese Veränderung das Aussehen unserer Schrift zu sehr beeinträchtige im Vergleich zu der Anzahl der Wörter, die dadurch betroffen wird, zumal es ja doch außer der Möglichkeit liege, eine ideale Schreibung herzustellen. Das zweite Bedenken ergiebt sich dann, wenn der fünfte Punkt in Berücksichtigung gebracht wird.

5. Schreibung, der Fremdwörter nach deutscher Lautschrift. Es ist schon gesagt worden, dass dieser Punkt ein besonderes Postulat der Volksschule sei, entsprungen aus der Schwierigkeit, den Kindern jedes einzelne Fremdwort nach seinem individuellen Aussehen einzuprägen. Die italienische Sprache zeigt, dass auch dieser Punkt durchführbar ist. Es fragt sich dabei: ist der Umstand, dass es der Volksschule schwer wird, die Schreibung der Fremdwörter zu lehren, dringlich genug, um diese, auf das Aussehen und den Charakter unserer Sprache stark wirkende Aenderung vorzunehmen, und liegt es überhaupt in unserm Wunsche und in unserer Macht, diesen Reformpunkt durchzuführen? Man kann der Meinung sein, dass der Volksschule eine solche Schreibung gestattet werden könne, unter der Annahme, dass mit fortschreitender Bildung des Einzelnen die Fremdwörter sich schon wieder ihrem eigenen Gewande anschmiegen werden; wie es denn immer so bis jetzt geschehen sein wird und noch geschieht, dass die einsprachigen Leute ihren ganzen Wortvorrath nach der Art ihrer Muttersprache sich zurechtlegen. Auf der andern Seite ist fraglich, ob die bewusste und gestattete Doppelschreibung einer sehr grossen Anzahl von Wörtern pädagogisch zulässig sei, und ob es nicht vielmehr als eine Zierde unserer deutschen Sprache angesehen werden dürfe, dass sie – das ist wir – es sich angelegen sein lässt, auch in der Wortschreibung jeder Nation, so weit es möglich ist, ihr eigenes Recht angedeihen zu lassen; und ferner, ob es nicht ein einfacheres Mittel für die Volksschule gebe, sich der beklagten Schwierigkeit zu entledigen, wir meinen die möglichste Beschränkung der Fremdwörter. Einige Vereinfachungen lassen sich in diesem Punkte immerhin denken, wie z. B. in Oesterreich die Vertretung des griechischen ph durch f bereits durchgeführt ist. Der oben berührte Zusammenhang der Reform des vierten Punktes mit der Fremdwörterreform besteht darin, dass das v, auch wenn wir es aus deutschen Wörtern vertreiben, doch in den romanischen Wörtern, wo das v einen andern als den deutschen f-Laut vertritt, stehen zu bleiben hat, und es in Folge dessen schwierig werden möchte, die vollständig eingebürgerten Fremdwörter mit v, die in Folge der Einbürgerung ein f erhalten müssten, von denjenigen zu unterscheiden, welche als fremd ihr durch einen deutschen Buchstaben unersetzbares v beibehalten müssen.

So steht nach unserer Ueberzeugung die Sache. Wir halten es nunmehr für geboten, dass von denjenigen Stellen aus, in deren Hand die Einführung der Orthographiereform in die Schule liegt, mit Beförderung zur Durchführung der Reform Hand geboten werde, sei's mit, sei's ohne die Organe des schweizerischen Lehrervereins. Die Akten, hoffen wir, liegen klar genug, um eine durchführbare Reform darauf zu bauen.

Aufhalten lässt sich die Reformbewegung wohl, erdrücken nicht. Je länger zugewartet wird, desto bunter wird die Verwirrung in der stehenden Rechtschreibung. Die günstigen Vorbedingungen zum Gelingen einer vorläufig allen gerechten Ansprüchen entgegenkommenden Reform sind, wie wir glauben, vorhanden, und wir leben der Hoffnung, dass es gelingen werde, das Werk zu einem guten Ausgange zu bringen.