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presseartikel24. 8. 1946 → Nachruf auf die Fraktur
ortografie.ch ersetzt sprache.org ortografie.ch ersetzt in zukunft sprache.org
Neue Zürcher Zeitung, , 167. jg., nr. 1497 (36), morgenausgabe, blatt 4, a13 bis a14, Literatur und Kunst, scan

Freundlicher Nachruf auf die Fraktur

Ein französischer Dichter des 16. Jahr­hunderts, den ich im Feriengasthof frei aus dem Gedächtnis zitieren muß, hat dem Erfinder der Schrift die folgenden Verse ge­widmet, die, wenn mich mein Gedächt­nis nicht täuscht, kein Geringerer als Cor­neille zu den schönsten der französi­schen Literatur gerechnet hat:

Car c’est de lui que nous vient l’art ingénieux,
De peindre la parole et de parler aux yeux,
Et par les traits divers de figures tracées,
Donner de la couleur et du corps aux pensées.

Man kann in der Tat nicht schöner und treffender die Bedeutung der graphi­schen Form des Wortes kennzeichnen. Ge­wiß kann man sie übertreiben und aus der Frage des Schriftbildes eine artistische Spielerei oder eine gefährliche Manie ma­chen; aber selten ist es ganz gleichgültig, welche graphische Form wir unseren Gedanken und Mitteilungen geben.

So ist denn auch gewiß der Leitung der „Neuen Zürcher Zeitung“ der Ent­schluß nicht leicht gefallen, von der alt­gewohnten Fraktur zur Antiqua über­zugehen. Sicherlich sind aber auch die Leser und Freunde zahlreich, die ihr dafür besonders dankbar sind, daß sie diesen Entschluß mit technischen Not­wendig­keiten und mit Rücksichten der bloßen Zweckmäßigkeit begründet hat, statt der Versuchung zu erliegen, den Uebergang zu einem schrecklichen Akt dar Welt­anschau­ung zu machen. Es hätte nahegelegen, über eine so schwere Niederlage der so­genannten „deutschen“ Schrift zu trium­phie­ren. Man hat es nicht getan und damit Gefühle geschont, die gewiß Respekt verdienen. Man hat eine Ritterlichkeit bewiesen, die um so höher anzurechnen ist, als leider auch die Fraktur zu einem bedauerns­werten Opfer des neudeutschen Nationalismus geworden war, der sie, um mit Christian Morgenstern zu reden, zu einem „reinen deutschen Gegenstand“ und zu einem Symbol approbierter Deutsch­tümelei gemacht hatte.

Wir erinnern uns noch sehr wohl der Zeit, da jedem, den dieses spießige und an­maßende Treiben abstieß, mit der Ab­lehnung der patriotischen Fraktur­philo­sophie ein Widerwille gegen ihr Opfer, näm­lich die Fraktur, nahezu aufgezwun­gen wurde. Daß wir als Kinder neben der lateinischen noch die krakelige „deutsche“ Handschrift erlernen mußten, war gewiß ein Schicksal, das wir auch mit den deut­schen Klassikern hatten teilen müs­sen. Aber wir hatten doch immer das Gefühl, daß es sich um einen höchst über­flüssigen Zopf handelte, und wir haben keinen Anlaß, ihm nach­zutrauern. Mit der Fraktur als Druckschrift stand es anders. War Fraktur zu schreiben für uns eine Qual, so kann es doch niemals ernstliche Mühe kosten, sie im Druck zu lesen. In diesen gotischen Lettern hatten wir zum erstenmal die Bibel und die Grimmschen Märchen gelesen; in Fraktur waren das Gesangbuch, der Volks­kalender und das meiste andere gedruckt, was dem Geist und dem Gemüt des Kindes als erste Nahrung gedient hatte. So schlossen wir mit diesen lustigen Schnörkeln Freund­schaft, und daran hätten wir uns gern genügen lassen. Warum mußte man uns obendrein damit in den Ohren liegen, daß dies nun die echt „deutsche“ Schrift sei, der man aus Patriotismus den Vorzug geben müsse?

Mit Schaudern erinnern wir uns, wel­che Blüten die­ser typo­graphische Nationa­lis­mus trieb. Dem Reichs­tags­gebäude fehl­te jahrzehntelang die vorgesehene In­schrift „Dem deutschen Volke", weil man sich nicht über die Schriftart einigen konnte, obwohl doch für diesen monu­mentalen Zweck die Antiqua allein an­gebracht gewesen wäre. Ein Berliner Verleger, mit dem ich zu korrespondieren hatte, war gar auf den Gedanken verfallen, sich eine Schreib­maschine mit Fraktur­buchstaben bauen zu lassen und damit selbst dieser nüchternsten Form der Mitteilung eine bekenntnis­hafte Spitzweg­note zu geben, die mit dem Inhalt seltsam genug kontrastierte. Es gab Gelehrte, die ihre Treue zu Hugenberg sogar im Fraktur­satz ihrer Schriften glaubten zum Aus­druck bringen zu sollen, und es war symbolisch, daß eine der führenden national­ökonomischen Zeitschriften unter einem neuen Heraus­geber in gotischen Lettern erschien, der gleichzeitig dem seltsamen Ehrgeiz frönte, eine Konjunktur­theorie unter pedantischer Verdeutschung jedes Fremdworts zu schreiben. Dieser nationalistische Kultus der Fraktur lag in der Tat auf derselben Ebene wie der Purismus, der aus einer Frage des guten Geschmacks ein politisches Programm machte. Es war derselbe Kampf für das „Arteigene“, wie man es nannte, und gegen den „welschen Tand“, der wenig mehr mit der immer achtens­werten Bewahrung ehrwürdiger Tradition zu tun hatte, ja sie kompromittierte. Gleich der stereotypen Formel „Mit deutschem Gruß!“ war er nur ein weiterer Ausdruck der deutschen Trotz­neurose. Er entsprach einer Ge­sinnung, die ein neudeutscher Barde mit dem nicht gerade urgermanischen Namen Bogislaw von Selchow zu folgenden fürchterlichen Versen – würdig in eine Sammlung der hundert schlechtesten deutschen Gedichte aufgenommen zu werden – begeistert hatte:

Ich bin geboren, deutsch zu fühlen,
Bin ganz auf deutsches Wesen eingestellt,
Erst kommt mein Land und dann die andern vielen,
Erst meine Heimat, dann die Welt.

Dies unfreiwillig komische Reim­geklin­gel war in einer Sammlung erschie­nen, die den Titel trug „Von Trotz und Treue“. Es hing als Spruch an ungezählten deutschen Wänden – und natürlich war es in „deutscher“ Schrift gedruckt.

Man hätte uns die Fraktur nicht wirk­samer ver­leiden können. Ihre unsachliche und leiden­schaftliche Anpreisung mußte fast mit Not­wendigkeit zu einer eben­solchen Anlehnung führen und damit selbst auf diesem verhältnis­mäßig un­wichtigen Gebiete die Gefahr herauf­beschwören, daß auch das, was an der deutschen Tradition achtenswert, ja ehr­würdig war, der Welt von den Teutomanen wider­wärtig gemacht wurde. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob wir ihnen das weiterhin erlauben wollen und ob wir nicht auch in der Diskussion um die Fraktur zu einer freien und sachlichen Würdigung zurück­kehren können, die über den typo­graphischen Nationalismus der jüngsten deutschen Vergangenheit mit einem ironischen Lächeln hinweg­geht. Das wird uns nicht nur durch die so völlig gewandelte Gesamtlage, sondern auch durch den seltsamen Umstand erleichtert, daß gerade im Dritten Reiche die Antiqua gegenüber der Fraktur vielfach begünstigt worden war. Möglicherweise dürfen wir darin den typo­graphischen Reflex des Uebergangs von der deutsch­nationalen Au­tarkie zum national­sozialistischen Im­perialismus erblicken, dem weniger daran lag, sich von der Welt trotzig zu isolieren, als sich ihr auf­zudrängen und sie zu er­obern. Jedenfalls hat uns damit der National­sozialismus den Dienst geleistet, uns von ängstlichen Bedenken zu befreien, wenn wir heute für die biederen Lettern, die uns als Kindern zuerst den Zauber des gedruckten Wortes erschlossen, ein gutes Wort einlegen möchten.

Es scheint uns tatsächlich an der Zeit, auszu­sprechen, daß derjenige, der die Frak­tur als „deutsch“ ablehnt, genau so un­recht hat wie derjenige, der sie als „deutsch“ preist. In beiden Fällen handelt es sich um ein arges Mißverständnis, ähn­lich dem Versuch, die Gotik, aus deren Geist und Stil die Fraktur hervor­gegangen ist, ihrem Ursprung und Wesen nach in erster Linie für Deutschland in Anspruch zu nehmen. Man ist sich gewiß heute dar­über einig, daß die Gotik als Formwelt des im Mittelalter auf­strebenden Bürger­tums gleich diesem eine gesamt­euro­päische Er­scheinung gewesen ist und daß der Ruhm, ihre Geburts­stätte zu sein, am ehesten Frankreich gebührt. Die Fraktur ist eine der Varianten der gotischen Schrift, und wem das zur Ehren­rettung nicht ausreicht, der sei daran erinnert, daß der Geist der Gotik als derjenige des vom Feudalismus sich befreienden städtischen Bürgertums der Geist einer der größten und stolzesten Epochen der europäischen Kultur gewesen ist und daß etwas von ihm noch immer aus den eckigen Schnörkeln der Fraktur zu uns spricht. Wir brauchen uns wahrlich nicht zu schämen, uns wei­ter­hin zu dieser graphischen Ueber­lie­ferung zu bekennen, auch wenn in Europa die Zahl der Be­kenner immer kleiner geworden ist und sich außerhalb des deutschen Sprach­gebiets der Gebrauch der gotischen Schrift auf Wirtshaus­schilder, Weinetiketten oder Zeitungstitel beschränkt. Man braucht sich nicht einmal des Gefühls zu schämen, daß der Fraktur etwas Warmes und Treu­herziges anhaftet und daß sie in be­stimmten Fällen das allein angemessene Schriftkleid sein dürfte. Täuschen wir uns ganz und gar, wenn sie uns zuweilen nach Brezeln und Lebkuchen zu duften scheint?

Die Antiqua ist am Platze, wo es auf nüchterne Klarheit, klassische Strenge, Prä­zision, Monumentalität, Rationalität oder geistige Universalität ankommt, und es ist sehr begreiflich, wenn sie auch einer Zeitung an­gemessen erscheint, die heute zu einem Haupt­instrument der deutschen Sprache im Orchester der öffentlichen Mei­nung der Welt geworden ist. Aber es wäre schade, wenn dieser Schritt der Mei­nung Vorschub leisten würde, als sei die Fraktur eine jener Eigenarten, deren man sich zu schämen hätte, statt eine jener anderen, die man pietätvoll bewahren sollte, ohne aus ihr einen lächerlichen Kult zu machen. Die Welt wird, soweit sie nicht zusehends elender wird, ohnehin zuse­hends lang­weiliger und einförmiger. Würde die Frak­tur aus dem deut­schen Sprachgebiet ver­schwinden, so ginge wieder ein Stück Buntheit und Mannigfaltig­keit dahin. Die Zeit, da uns ein Absolutismus der Fraktur lästig fiel, ist vorbei. Es kann sich nur noch darum handeln, ihr den bescheidenen Platz, den Geschmack, Traditions­sinn und Freude am Bunten ihr zuweisen möchten, in der Zeit einer alles glattwalzenden Welt­zivilisation zu wahren.

Die Fraktur ist gewiß keine größere Ei­genbrötelei als das Festhalten der Eng­länder an ihrer Orthographie, ihrem Duo­dezimalsystem und ihren Gewichts­ein­heiten. Wir glauben sogar, daß sie weit weniger lästig und abschließend wirkt. Wir, die wir auf der Schulbank die Fraktur mühsam haben lernen müssen, schmei­cheln uns zwar gern, daß es für einen Ausländer nicht leicht sein müsse, sie zu lesen, aber nach meinen Erfahrungen han­delt es sieh hier zum mindesten um eine starke Uebertreibung, und neben der Schwierigkeit, die deutsche Sprache über­haupt zu erlernen, kommt die Unbequem­lich­keit der Fraktur ernstlich nicht in Betracht Es läßt sich sogar die Behauptung begründen, daß die Fraktur durch ihre Unregelmäßigkeit und Leb­haftigkeit die Aufmerksamkeit weniger ermüdet als der ruhige Fluß der Antiqua, wie denn ja auch gotische Ziffern mit Nutzen für Loga­rithmentafeln verwendet werden.

Wie dem aber auch sei: Ich glaube nicht, daß mein Genfer Tischnachbar im Berg­hotel die geringste Mühe hat, das Frak­tur­etikett „Châteauneuf – du Pape“ auf seiner Weinflasche zu entziffern, und damit einen anderen Gedanken verbindet als den behaglich stimmenden an Rabelais und Pantagruel. Was aber mich betrifft, so weckt die Fraktur­aufschrift auf meiner Flasche Apfelmost die nicht minder be­hagliche Vor­stellung eines behäbigen Ber­ner Bauern­hauses. Lese ich nachher einen – natürlich in Fraktur gedruckten – Roman von Wilhelm Raabe, so denke ich nicht nur an die alten gotischen Straßen Braun­schweigs oder Hildesheims und an alle anderen Herrlichkeiten, die auf immer in Schutt und Asche gesunken sind; ich denke auch an die alten Marktplätze Schaff­hausens, und Luzerns und schließ­lich an die Zeit, da eine ungelenke Kinder­hand zum erstenmal diese lustigen Buch­staben mit ihren Erkern, Giebeln und Spitzbogen nachahmte. Wollen wir die Welt mit Ge­walt noch ärmer machen, als sie ohne­hin schon geworden ist? Wollen wir uns auch darin noch die Hand führen lassen von einem verstockten deutschen Kultur­nationalismus, über den die Zeit er­barmungs­los hinweg­geschritten ist?