Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)
Zur Vereinfachung der deutſchen Rechtſchreibung
Der Rat der Kommiſſare hat vor ungefähr einem Monat den Beſchluß gefaßt, an die Vorbereitung der Vereinfachung der deutſchen Rechtſchreibung zu ſchreiten. Dieſer Beſchluß entſpringt nicht dem Drang, unbedingt irgendeine Neuerung einzuführen, ſondern einem tatſächlich vorhandenen und ſcharf empfundenen Bedürfnis. Der Beſchluß wurde in der Folge einer ſehr ernſten Unterſuchung unſeres Schulunterrichts durch die Arbeiter- und Bauerninſpektion angenommen. Die Unterſuchung hat erwieſen, daß unſere deutſchen Schulen in Bezug auf die Erfolge der Rechtſchreibung weit hinter den ruſſiſchen zurückbleiben. Dieſes Ergebnis iſt nur dadurch zu erklären, daß in der ruſſiſchen Sprache die Rechtſchreibung bedeutend vereinfacht, während in der deutſchen die alte deutſche Rechtſchreibung, die bekanntlich noch hinter der alten ruſſiſchen zurückſteht, beibehalten wird.
Der Rat der Kommiſſare erkennt den Ernſt der Lage, er erkennt die Schwierigkeiten, die hauptſächlich daran folgen, daß es in vielen Ländern große deutſche Sprachgebiete gibt, die die Neuerung nicht anerkennen und die nach der alten Schreibweiſe weiter arbeiten werden, [unleserlich] aus dieſen Ländern und hauptſächlich aus Deutſchland Bücher und Zeitſchriften beziehen werden. Es iſt möglich, daß die gegenwärtige Schreibweiſe in den deutſchſprachigen Ländern und Gebieten noch lange beſtehen, daß ſich die Sprachentwicklung in einer anderen Richtung bewegen werden kann uſw.
Alle dieſe Schwierigkeiten können uns aber nicht davor abhalten, unſeren Kindern die Sprache und dadurch die Übernahme aller Kulturwerte ſo leicht wie möglich zu geſtalten. Die Sprache iſt für uns nicht Selbſtziel, ſondern nur Mittel zur Übermittlung von Kulturwerten. Wenn nur das Kind nicht allzu viel Energie auf die Aneignung des Mittels zur Übernehmung von Kulturwerten zu verwenden braucht, ſo bleibt ihm bedeutend mehr Zeit für die Aneignung der Güter der Kultur ſelbſt, was gerade unſer Ziel iſt.
Vor allen Dingen muß dafür geſorgt werden, daß wir dieſe Maßnahme nicht losgeriſſen von den übrigen deutſchen Sprachgebieten der Sowjetunion und nicht losgeriſſen von den Beſtrebungen zur Reform, die in den deutſchen Ländern ſelbſt vorhanden ſind, durchführen. Deshalb müßte ſich das Volksbildungskommiſſariat ſofort mit den zuſtändigen Organiſationen in Verbindung ſetzen und ſie zu dem gleichen Schritt bewegen. Wir glauben, das dürfte nicht ſo ſehr ſchwer ſein, da ſchon von ſeiten des Zentralbüros [der deutſchen Sektionen beim ZK der Kommuniſtiſchen Partei] ſeinerzeit derſelbe Gedanke angeregt wurde.
Wichtig iſt, daß wir uns die Erfahrungen derjenigen Organiſationen in Deutſchland, Oeſterreich uſw. aneignen, die ſchon längere Zeit in dieſer Richtung forſchen, denn das gibt uns die Gewähr, daß wir von der Zukunft der deutſchen Sprache nicht losgeriſſen werden.
Eine weitere wichtige Aufgabe iſt noch, daß dieſer Beſchluß von unſerer eigenen Bevölkerung beſprochen wird. Die Vereinfachung ſoll vorbereitet werden, und in dieſen Fragen hat nun jetzt jeder Bürger das Wort. Beſonders nahe geht der Beſchluß natürlich die Lehrerſchaft an, die die vereinfachte Rechtſchreibung dann durchführen ſoll. Wir wünſchen, es möge ſich eine recht rege Diskuſſion um dieſe Frage entfalten, damit alle Erfahrungen berückſichtigt werden, damit jeder Vorſchlag richtig gewürdigt werden kann.