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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

presseartikel1928-09-26 → Zur guten ſtunde!
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Nachrichten (Pokrowsk/Engels), , fraktur

Zur guten ſtunde!

(Beitrag zur rechtſchreibereform)

Mit aufrichtiger freude mus begrüſt werden, das endlich fon amtlicher ſeite die frage der reform unſerer rechtſchreibung konkret aufgerollt wird. Den ſchreiber dieſes erfreut es umſomer, als er ſchon im jahre 1925 durch das ſprachwort der zeitſchrift „Zur Neuen Schule (Nr. 3) diſelbe frage for der ſowjetdeutſcher öffentlichkeit aufgerollt hat. Es entſpann ſich damals eine recht rege diskuſſion in den ſpalten der genannten zeitſchrift. Alle genoſſen, die ſich zum worte meldeten, ſprachen ſich einmütig für di abſolute möglichkeit einer rechtſchreibereform in rätedeutſchen ferhältniſſen aus, fon der notwendigkeit gar nicht zu ſprechen. Es freut mich, das unſere folkskommiſſariate für arbeiter- und bauerninſpekzionen und für aufklärung, angeregt durch di ergebniſſe der unterſuchung unſerer dorfſchulen, ſich auf denſelben ſtandpunkt ſtellen. Auch di genoſſen, di bisher in den ſpalten der „Nachrichten“ ſtellung hirzu genommen haben, teilen diſelbe meinung. Somit, glaube ich, erübrigt es ſich, hir noch worte über di prinzipielle ſeite der frage zu ferliren. Di frage iſt ſo brennend, das fon niemand di aktualität irer aufrollung bezweifelt wird.

Ich will der frage direkt auf den leib rücken und einige konkrete forſchläge zu irer praktiſchen durchführung machen. Ich fertrat anfangs einen radikalen ſtandpunkt in betreff des ausmasses der reform, indem ich eine reform ferlangte, die ſich an di fonetik der geſprochenen ſprache anlenen ſollte. Heute, nach dem ſtattgehabten meinungsaustauſch, bin ich zu der anſicht gekommen, das wir mit eine ſo weitgehenten reform über das uns geſteckte zil hinausſchisen würden. Ein ferſuch der fonetiſie­rung unſerer ſchriftſprache würde uns von der ausländiſchen rechtſchreibung derart entfernen, das unſere kinder die ausländiſche literatur nur ſchwer würden leſen können. Wir hätten ſi fon den einen ſchwirigkeiten befreit, um ſi for neue zu ſet­zen. Deshalb laſſe ich ſolche forderungen wi di oi-ſchreibung des eu-lautes, die ai-ſchreibung des ei-lautes, ebenſo auch di auslaſſung der ferdoppelung und a, w, fallen. Bei der ferſchidenen ausſprache mancher laute würde di ſowetiſirung der ſchrift onehin auf koloſſale ſchwirigkeiten ſtosen. Di reform darf nicht das direkte zil aus dem auge ferliren, das ſi bei uns hat, nämlich di beſeitigung der hauptſchwirigkeiten, di di beſtehende rechtſchrei­bung unſeren kindern unnötig bereitet. Wer mit der ſchreibweiſe unſerer Schüler ein wenig fertraut iſt, der weis, welches di hauptfeler ſind, di ſi permanent widerholen. Ausgehend aus inen, mus das programm der reform ausgearbeitet werden. Meiner meinung nach müsten di grundlagen diſes programms folgende ſein:

  1. Abſchaffung des grosſchreibens der dingwörter ſowi der ſubſtantiwirten eigenſchafts- u. a. wörter. Nur eigennamen werden gros geſchriben. Der ſtrom. Das ſtrömen. Di Wolga.
  2. Abſchaffung des denungs-h und des denungs-i, ebenſo der verdoppelung der ſelbſtlaute zu denungszwekken. Die ſene. Di bine. Di ſe.
  3. V in deutſchen wörtern wird durch f erſetzt. Der fogel.
  4. qu durch kw erſetzen. Durchkweren. Gen[oſſe] Kufeld meint, das qu müſſe erhalten werden, denn er befürchtet, das unſere kinder di aus­ländi­ſche ſchreibweiſe nicht werden leſen können. Selbſt ſchlägt er aber die abſchaffung des v vor. Wenn wir for der abſchaffung von buch­ſtaben des alfabets zurückſchrecken, dürfen wir uns an die reform überhaupt nicht heranwagen.
  5. Die ſchwirigſte frage der reform iſt das ſ. Ich ſchlage for, fon den beſtehenden drei ſchreibwei­ſen (ſ, ß, s) zwei zu behalten, die für den ſtimmhaften und di für den ſtimmloſen laut: ſ und s. Früher ſchlug ich eine for; ich fürchte, das wird zu misferſtändniſſen füren. Für den ſtimmloſen laut wäle ich anſtelle des komplizirten ß das einfachere s. Beim lateinſchreiben ſtet dafür immer ss, ausgenommen im auslaut der ſilben, wo einfach s geſchrieben wird. For t und p wird der harte s-laut ſ geſchriben. Das ſtimmloſe s als inlaut zwiſchen zwei ſtimmhaften lauten, fon denen der forhergehende kurz iſt, wird durch ſſ widergegeben. Leſen, ich las, ich laſſe, (‚oſſ‘) das fas, der fus, wir fasen, wir laſen, ſtosen, ſpas.
  6. chs (geſprochen ks) wird immer x geſchrieben. Früher ſchlug ich ks for, ſogar anſtelle des x. Das wäre eine komplizirung anſtatt fereinfachung. Alſo: der fux, der dax, waxen.
  7. Fremdwörter werden in deutſcher ſchreibweiſe anlenendan di jetzige ausſprache geſchriben: karakter, kor (für den Chor und das Corps), Bordo, nowember, fers, kommandör, fotograf, rewoluzion, burſhuaſi (ſh für den im deutſchen fehlenden ж-laut), zilinder.

Mit dieſer reform würde das alfabet um fünf buchſtaben ferkürzt werden: c (in ch, ſch und ck ferſchmilzt es mit den anderen zu neuen lautzeichen), q, ß v, y. Freilich, zum ferſtändnis der ausländiſchen literatur müsten ſi dennoch gelernt werden. Das weſentlichſte jedoch iſt, das die zal der rechtſchreiberegeln bedeutend ferkürzt wird. Dadurch erſparen wir unſeren kindern und lerern fil mühe und arbeit, di zu beſſeren zwecken ferwendet werden können. Di neuen regeln ſind leicht zu er­ler­nen. Durch ire einfürung machen wir zehn­tauſende fon erwaxenen, di ſich irer „unrichtigen“ ſchreibweiſe geſchämt und deshalb geſchriben haben, zu rechtſchreibenden menſchen und mitarbeitern.

Alle lerer haben nur einen wunſch anläslich dieſer reform: möge ſi bald kommen! Mö­ge ſi ſo raſch wi möglich im leben ferwirklicht werden! Mö­ge ſi nicht fon einer allzu pedantiſchen kommiſ­ſion aus irgend welchen, weis der kukuk was für welchen filologiſchen ſpitzfindigkeiten auf die lange bank geſchoben oder gar lebendig begraben werden!


Quelle: bkdr.de/dokument-des-monats-04-2024