willkommen
kontakt
impressum
suchen

Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

presseartikel → autoren
2020-4-13
ortografie.ch ersetzt in zukunft sprache.org ortografie.ch ersetzt in zukunft sprache.org

neue personensuche

Jessen, Jens

: Und Schluss. Die Reform der Rechtschreibreform tritt in Kraft; was lehrt der lange Streit um »ss« oder »ß«? Die Zeit, , nr. 32 (612 wörter)
Auch die plötzlich verklärte alte Rechtschreibung war nur das Ergebnis einer vielfältig nachgebesserten, im Kern aber staatlich verordneten Reform vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Schriftsteller zuvor haben anders geschrieben; bei Fontane beispielsweise findet man all die Groß- und Getrennt­schreibungen, deren Übermaß man der jetzigen Reform zum Vorwurf macht.
: Die neue Freiheit. Die Rechtschreibreform erlöst von der Regelwut und bewahrt doch die Tradition der deutschen Sprache; sie muss bleiben. Die Zeit, , 59. jg., nr. 32, s. 1, Dossier (816 wörter)
Sprache ist etwas Gewachsenes; eine verbindliche Schreibung dagegen immer ein Hoheitsakt. Wer zu einer alten Ortho­grafie zurückkehren will, müsste erklären, warum er aus­gerechnet die Duden-Schreibung nach 1901 will und nicht etwa zu Johann Christoph Adelungs Wörter­buch von 1786 zurück­möchte. Die Reform­gegner haben nur die Bequemlich­keit ihrer Generation auf ihrer Seite. Sie könnten sich aber auch an der neuen Libera­lisierung erfreuen.
: Reform ohne Freunde. Das Gezänk um die deutsche Rechtschreibung geht weiter. Die Zeit, , 59. jg., nr. 7, s. 41, Literatur (410 wörter)
Freilich muss auch gesagt werden, dass sich jede systematische Orthografie in Widersprüche verstrickt; weil Sprache nun einmal nicht vollständig systematisch ist. Auf der sicheren Seite sind nur rein phonetische Systeme (wie im Italienischen oder Portugiesischen); dann müsste man sich allerdings entscheiden, ob man lieber Hühnerai oder Keiser schreibt. Die Reform hat, indem sie den Blick für solche Kalamitäten schärfte, der Rechtschreibung die Autorität genommen. […] Wunderbarerweise ist damit nur ein Zustand erreicht, den in den siebziger Jahren, als die Reformdebatte begann, ein kluger Germanist empfohlen hatte: auf die Lösung verzwickter Einzelfälle zu verzichten und nur das Gros der Schreibweisen festzulegen. Mit einigen wenigen Regeln lassen sich nämlich neunzig Prozent aller Wörter erfassen; den Rest, hieß es damals, könne man getrost freilassen. So ist es gekommen. Jetzt müssen sich nur noch die Schulen an die neue Toleranz gewöhnen.
: Rechtschreibung ohne Reform. Berliner Zeitung, , Feuilleton, Tagebuch (397 wörter)
Ein Blick in das neuerdings Gedruckte zeigt, dass nur das Allerauffälligste nach den neuen Regeln geschrieben wird, das doppelte "ss", das dreifache "fff", kurzum nur das, was hässlich ist und in die Augen springt. Selten aber wird getrennt geschrieben, was jetzt zu trennen wäre; selten wird groß geschrieben, was noch als klein geschrieben in Erinnerung ist.
neu : So offt als vil Buchstaben seynd. Berliner Zeitung, , s. 9f., Feuilleton (1096 wörter)
Die deutsche Sprache hat Jahrhunderte der merkwürdigsten Schreibweisen hinter sich. Darum ist auch die neue Rechtschreibreform keine Revolution, sondern nur ein maßvoller Rückschritt. […] Interessant ist der Umgang, den Ludwig Uhland bei seiner Sammlung alter Volkslieder des fünfzehnten bis siebzehnten Jahrhunderts mit den alten Schreibweisen übt. 1844, also in einer Zeit ebenfalls noch ungesicherter Orthographie, übernimmt er die Schreibung der Quellen, soweit sie ihm irgend verständlich scheint; und in der Tat ist "sere" von jedem Leser unschwer als "sehr" zu verstehen. Das aber zeigt, daß Texte in älterer, auch sehr abweichender Orthographie keineswegs durch eine Rechtschreibreform unlesbar werden, wie heute gerne eingewandt wird. Der Unterschied zwischen unserer Lage heute und der Situation Uhlands ist nur, daß wir an eine standardisierte Schreibung gewöhnt sind und unsere Toleranz gebenüber Abweichungen geringer geworden ist. […] Das orthographische Durcheinander, auch die oft himmelschreiende Unlogik der Schreibweisen haben der Entwicklung der Literatur, der Hochkultur insgesamt nicht geschadet. Es wird also von der gegenwärtigen Reform, die viele alte liebgewordene und hochkomplizierte Regeln wieder fallen läßt, auch kein Kulturverfall zu befürchten sein.

neue personensuche