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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

stellungnahmen → Moratorium
2001-7-26
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Der Bund für vereinfachte rechtschreibung nimmt stellung

Moratorium

Zu «Moratorium für die rechtschreibreform?», Basler Zeitung, 7. 7. 1997

Abgedruckt in der Basler Zeitung vom 4. 8. 1997

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt verlangt ein mo­ratorium, um mit einer eigenen kom­mis­sion die neue rechtschreibung zu über­arbeiten. Es verwundert nicht, dass auch dieses ehrenwerte gremium eher retro- als prospektiv arbeitet. Mich verwundert aber, dass es sich überhaupt in die niede­ren gefilde der rechtschreibung begibt, galt doch bisher (laut jahrbuch 1954 der akademie): «Orthographie ist innerhalb einer Kultur­nation eine Fertigkeit, die im Kindesalter erlernt und hernach, unter Erwachsenen, nicht mehr beredet wird.»

Ein wichtiger grund, die angelegenheit zu bereden, ist die unterschiedliche inter­pretation der neuregelung durch verschie­dene wörterbücher, was anscheinend zu 8000 widersprüchen führt. Es ist wohl nötig, dass man diese beseitigt. Aber da sich die äusserst bescheidene neuregelung in der praxis fast nicht auswirkt, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich auch nur einem bruchteil der unklarheiten je be­gegne. Früher (im jahrbuch 1963) nahm die akademie die viel zahlreicheren un­klarheiten der alten regelung lockerer: «Es ist ebensosehr das Drängen auf absolute Sicherheit, das aus gewissen Unklarheiten der Orthographie einen unerträglichen Übelstand macht, wie jene Unklarheiten selbst.»

Ein teil der beanstandungen geht auf das bestreben der reformer zurück, dem schreiber eine gewisse freiheit zu lassen, etwa bei der zeichen­setzung. Das erklärt die skepsis von typografen, aber nicht den widerstand der dichter, die doch dafür dank­bar sein müssten. Die Deutsche Aka­de­mie für Sprache und Dichtung hat es doch 1963 so schön formuliert: «Die Forderung nach völlig lückenloser Uniformität der Schreibung ist keineswegs zwingend; im Be­reich der schönen, auch der wissen­schaftlichen Literatur, erheben sich sogar sehr ernsthafte Einwände gegen eine or­thographische Einheitstyrannei. (…) Es trifft nämlich nicht zu, daß eine gewisse Läßlichkeit der Rechtschreibung ein Chaos zur Folge haben würde: das zeigt sich an der Schreibpraxis in der Zeit lange vor der amtlichen und unitarischen Festsetzung einer Orthographie.»

Bund für vereinfachte rechtschreibung, Rolf Landolt, Zürich (vorsitzer)