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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

stellungnahmen → Zu: «Karren im Dreck»
1997-10-31
ortografie.ch ersetzt in zukunft sprache.org ortografie.ch ersetzt in zukunft sprache.org
Der Bund für vereinfachte rechtschreibung nimmt stellung

Zu «Karren im Dreck», Focus, 27. 10. 1997, nr. 44

Es ist immer aufschluss­reich, «Focus» von vorn bis hinten zu lesen. Auf seite 34 beklagt die präsidentin des bundestags, frau Süssmuth, dass die neue recht­schrei­bung von der «breiten Bevölkerung» nicht getragen wird. Auf seite 201 der­selben nummer sieht man, dass sowohl der duden als auch das wörterbuch von Bertelsmann nach über einem jahr immer noch auf der bestseller­liste stehen. Da haben wir aber glück gehabt, denn wenn auch noch die breite bevölkerung die neuregelung akzeptieren würde, müsste man ja wohl alle wälder Europas zu papier verarbeiten!

Vermutlich werden die bestseller­wör­ter­bücher nur von juristen gekauft; zahl­reich genug sind diese ja möglicherweise. Ihnen ins stammbuch die folgende mah­nung: «Es ist ebensosehr das Drängen auf absolute Sicherheit, das aus gewissen Un­klar­heiten der Orthographie einen uner­träg­lichen Übelstand macht, wie jene Un­klarheiten selbst.» — «Die Forderung nach völlig lückenloser Uniformität der Schrei­bung ist keineswegs zwingend; im Bereich der schönen, auch der wissen­schaftlichen Literatur erheben sich sogar sehr ernst­hafte Einwände gegen eine ortho­gra­phi­sche Einheits­tyrannei. Es trifft nämlich nicht zu, daß eine gewisse Läßlichkeit der Rechtschreibung ein Chaos zur Folge haben würde.» Von wem stammen diese wei­sen worte? Von der Deutschen Akade­mie für Sprache und Dichtung an­lässlich einer früheren rechtschreib­de­batte. Es erstaunt daher, dass frau Süss­muth von dieser seite die voll­kommene einheit erwartet. Noch erstaunlicher wäre es, wenn sich die akademie dafür empfehlen würde, denn damals stellte sie klipp und klar fest: «Orthographie ist in­ner­halb einer Kultur­nation eine Fertigkeit, die im Kindes­alter erlernt und hernach, unter Erwachsenen, nicht mehr beredet wird.»

In fachlicher hinsicht gibt es die von der bundestags­präsidentin gewünschte ins­tanz bereits: die von den kultus­minis­tern eingesetzte mannheimer kommis­sion. Sie wird zur zeit heftig kritisiert, aber nur von leuten, die jede veränderung ab­lehnen. (Um nichts zu ändern, braucht es weder eine kommission noch eine akade­mie.) In organisato­risch/politischer hin­sicht fehlt auch nach meinem empfinden tatsächlich etwas, eine art zwischenglied, das fachliche und politische (gerade auch internationale) aspekte unter einen hut bringen und das ewige legitimierungs­problem entschärfen könnte. Eigentlich ist auch dieses bereits erfunden. Die aufgabe könnte von den bewährten normen­instituten übernommen werden, die da sind: International organization for standardization ISO, Deutsches institut für normung DIN, Österreichisches normungs­institut ON und Schweizerische normen-vereinigung SNV.

Rolf Landolt, Bund für ver­einfachte recht­schreibung (gegründet 1924)