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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

stellungnahmen → Zu: frankfurter erklärung
1996-10-16
ortografie.ch ersetzt sprache.org ortografie.ch ersetzt in zukunft sprache.org
Der Bund für vereinfachte rechtschreibung nimmt stellung

Zur frankfurter erklärung

Der Bund für vereinfachte recht­schrei­bung (BVR), Zürich, gegründet 1924, ist befremdet über die «frankfurter er­klärung» deutscher schriftsteller zur rechtschreib­reform.

Er sieht zwar in der reform nicht die er­füllung seiner wünsche, aber einen prüf­stein für die frage, ob sich die deutsche rechtschreibung überhaupt verbessern lässt. Der BVR bittet die schulbehörden, verlage und übrigen schriftanwender, sich nicht durch den destruktiven aufruf vom eingeschlagenen weg abbringen zu lassen.

Schon immer hat ein teil der schrift­steller jede veränderung blockiert. Im ge­gensatz zu ihnen, die selbst — wie es auch diesmal zum ausdruck kommt — jede frei­heit für sich beanspruchen, haben politik und wissenschaft verantwortungs­bewusst festzulegen, was in der volksschule gelehrt werden soll.

Der Bund für vereinfachte rechtschrei­bung sträubt sich nicht gegen berechtigte interessen eines standes, vermag aber nicht zu erkennen, wo die der schriftsteller und verlage tangiert werden. Insbeson­dere bestreitet er die stereotyp gegen jeden reformversuch — von der abschaffung der fraktur bis zur heutigen minireform — vorgebrachte vermutung, die recht­schrei­bung sei dann schlechter lesbar und nicht mehr «deutsch». Er sieht darin einen aus­druck einer rückwärts­gewandtheit und eines effekt­haschenden kultur­pessimis­mus. (Zu dem damit verbundenen argu­ment, es werde zu wenig gelesen, liefern allerdings die schriftsteller mit der einge­standenen verspätung der wahrnehmung selber einen traurigen beleg.)

Zu einer rationalen erklärung des ir­rationalen protests («Terror durch Ortho­graphie») gehört sicher die diagnose einer diskrepanz zwischen faktischer ver­bind­lich­keit der norm und ihrer schwachen rechtlichen verankerung in einem nationa­len und sogar föderalen volksschul­lehr­plan. Siegfried Lenz artikuliert das unbe­hagen mit der unbeholfenen forderung nach einem volks­entscheid. Hier müssten lösungen gesucht werden, die aus neuen rechtlichen modellen bestehen könnten und/oder die wirkung der norm beeinflussen.

Der zweite ansatz ist anscheinend be­reits auf dem weg zur verwirklichung: Die boykott­kampagne und die zögerliche um­setzung der reform in den medien för­dern in der öffentlichkeit das bewusstsein der freiheit in ortografischen dingen. Martin Walser: «Soll doch jeder, auf eigenes Ri­siko, schreiben, wie er will. Er will ver­standen werden, soll er's versuchen auf seine Art.»

Der BVR empfiehlt die art der subs­tantiv­kleinschreibung, die in allen spra­chen üblich und nachgewiesener­massen verständlich ist. «Die Forderung nach völ­lig lückenloser Uniformität der Schreibung ist keineswegs zwingend; im Bereich der schönen, auch der wissenschaftlichen Li­teratur erheben sich sogar sehr ernsthafte Einwände gegen eine orthographische Einheitstyrannei.» (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, 1963)

Der Bund für vereinfachte recht­schrei­bung ist überzeugt, dass sich eine bessere rechtschreibung durchsetzen lässt. Auch wenn das ziel noch nicht erreicht ist, nehmen sich die reformer doch Hans Mag­nus Enzens­bergers «anweisung an si­siphos» (1957) zu herzen: «was du tust, ist aussichtslos. gut: / du hast es begriffen, gib es zu, / aber finde dich nicht damit ab, / mann mit dem stein.»

Rolf Landolt