Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)
Blitzblätter der SOK
Zu SOK: Blitzblatt 1 bis 5
«Schweizer Orthographische Konferenz» (SOK), gegründet 2006, sok.ch, , rubrik Blitzblätter für Eilige; autor: (Wachter, Rudolf)
Der verein «Schweizer Orthographische Konferenz» (SOK), gegründet 2006, «um die von der Rechtschreibreform beschädigte Einheitlichkeit und Sprachrichtigkeit der Rechtschreibung in Presse und Literatur der Schweiz wiederherzustellen», legt «zuhanden der Presse und aller Interessierten» ein argumentarium in form von 5 blättern («Blitzblatt» 1 bis 5) vor.
Wir sind gespannt, ob etwas davon in der presse und bei interessierten einen niederschlag findet. Für unseren Bund für vereinfachte rechtschreibung ist die neuregelung (als reform können wir sie nicht bezeichnen) von 1996 auch sehr unbefriedigend. Der argumentation der SOK können wir uns allerdings überhaupt nicht anschliessen, denn sie beruht letztlich auf der ablehnung jeder veränderung gegenüber dem stand von 1901. Den titel «Der Rechtschreibskandal 1996 / 2006 / 2026» würden wir ergänzen: «Der Rechtschreibskandal 1653 / 1876 / 1901 / 1996 / 2006.» Das ist nicht nur eine frage der redlichkeit, sondern auch des unterschiedlichen geistigen horizonts.
Blitzblatt 1 – Der Rechtschreibskandal 1996 / 2006 / 2026: ein Überblick
Die SOK legt seit 20 Jahren den Finger beharrlich auf die Mängel der sogenannten «neuen» Rechtschreibung,
Was will uns die SOK mit der gequälten formulierung «sogenannte ‹neue› Rechtschreibung» sagen? Dass die reformer sie unkorrekterweise so nennen? Abgesehen davon, dass «neu» für etwas neues durchaus nicht abwegig ist, legen die reformer keinen wert darauf. Was seit 1996 in der schule gilt, ist einfach die rechtschreibung. Sie muss sich nicht von etwas altem absetzen; die kinder kennen es nicht und die erwachsenen vergessen es, wie die bisherige erfahrung zeigt.
Die neuregelung von 1996 ist für die SOK ein staatsstreich. Was war denn das von 1901? War es kein staatsstreich? War es ein guter staatsstreich? Nun ja, das resultat war angeblich die «beste deutschen Rechtschreibung». Wenn es zwischen 1901 und 1996 einen unterschied gibt, muss man uns den erklären. Aber das versucht die SOK nicht einmal.
«Speziell für die Schulen für verbindlich erklärt.» Was ist mit «speziell» gemeint? Die «Bildungsexekutiven» sind nur für die schulen zuständig.
Treibende Kraft war die deutsche Kultusministerkonferenz (KMK). Der schweizerischen EDK und dem österreichischen Bildungsministerium kam nicht mehr als eine Statistenrolle zu.
Auf grund der tatsache, dass sich österreicher und schweizer mentalitätsbedingt weniger aufregen als deutsche, fabuliert die SOK etwas von statistenrolle. Der einfluss von Österreich und der Schweiz war überproportional und wahrscheinlich für den erfolg unabdingbar.
Alle diese Politiker aber hatten in Unkenntnis des Reforminhalts, im blinden Glauben an das Versprechen der Reformer, das Schreiben der deutschen Sprache werde in den schwierigsten Bereichen einfacher, und mit der erklärten Absicht, zugunsten des Bertelsmann-Verlages das jahrzehntealte Privileg des Duden-Verlags an der Rechtschreibung zu brechen, am 1. Juli 1996 eine gemeinsame Absichtserklärung unterschrieben.
Klar, wer anderer meinung ist, kann das nur aus einem blinden glauben heraus sein.
Die «erklärte Absicht, das Privileg des Duden-Verlags zu brechen», ist nichts anderes als die umsetzung der absicht von 1950/1955, was man wohl kaum als überstürzt bezeichnen kann.
«Der Bluff flog auf[komma?] und der Protest war gewaltig.» Danke für die kommasetzung nach der neuen regel!
Viele herkömmliche Schreibungen, die zehn Jahre «falsch» gewesen waren, wurden 2006 als sogenannte «Varianten» der Reformschreibungen wieder «gestattet». In anderen, ebenfalls sehr wichtigen Bereichen der Reform blieben die herkömmlichen Schreibungen hingegen «falsch» und werden bis heute unterdrückt.
Aha, da wird etwas unterdrückt. Wie? Mittels zensur? Die bevölkerung weiss das anscheinend nicht; da hat die aufklärung durch die SOK versagt. Wörterbücher, medien, buchverlage usw. wagen es nicht, von ihrer freiheit gebrauch zu machen. Das bedauern wir auch. In der tat ist es so – nicht seit 30 jahren, sondern seit 1880.
«Reform der Reform»
Warum steht «Reform der Reform» in anführungszeichen? Das ist ein begriff der reformgegner. Aus der sicht der reformer braucht es keine «verbesserungen», vor allem keine rückwärts gerichteten. Das ganze ist nichts anderes als die fortsetzung des machtkampfs. Das kann man (wie wir) bedauern oder begrüssen; so oder so sollte man es so nennen. Ob der 2004 eingesetzte rat für deutsche rechtschreibung eine hilfe ist, wird man sehen. Selbstverständlich steht es den politikern frei, sich beratungsgremien zuzulegen, zusätzlich zu orakel, horoskop und Bild-zeitung.
Gleichzeitig ermuntert sie [die SOK] die ganze deutschsprachige Bevölkerung zur offenen Rebellion, nämlich dazu, die Reformschreibungen gesamthaft zu ignorieren und zur bewährten herkömmlichen Rechtschreibung zurückzukehren, die sich das ganze 20. Jahrhundert hindurch bestens bewährt hatte […].
Wir sind sehr für eine rebellion. (Wir sind es wirklich, im unterschied zu den anhängern der alten rechtschreibung.) Auf 2 unserer fragen hat die SOK denn auch keine antwort:
- Kann man gegen etwas rebellieren, wozu man nicht verpflichtet ist? Man kann nicht gegen eine kleidermode rebellieren; man kann sie einfach ignorieren. Erwachsene können nicht gegen die schulrechtschreibung rebellieren, weil sie erwachsen sind.
- Sind schüler nicht verpflichtet, sich an die amtliche schulrechtschreibung zu halten? Dafür spricht nicht nur die rechtslage, sondern auch der im volk tief verwurzelte schlechte ruf der metode lesen durch schreiben. Wenn schüler mit recht gegen das grosse V in fogel rebellieren, ernten sie keinen beifall. In den 1970er jahren rebellierte die realschule Muttenz BL (also nicht eine grundschule) im sinne des von uns und der SOK gewünschten wettbewerbs gegen die substantivgrossschreibung und wurde vom staat zurückgepfiffen. Wo waren damals die (heute auch nicht mehr ganz jungen) leute von der SOK?
Was ist ein «vorschriftsprinzip», das angeblich seit 1996 existiert? Die tatsache, dass man den kindern – wie schon immer und wie auf der ganzen welt – 1 bestimmte rechtschreibung vorschreibt? Uns stört das auch, sogar seit 150 jahren, nicht seit 30. Was war «im ganzen 20. Jahrhundert» anders? Das bleibt ein geheimnis der SOK.
Das bißchen Mut zur Rebellion, die wir Jedesmal-Revolution nennen (nach einem Paradebeispiel einer seit 30 Jahren als «falsch» deklarierten, aber von allen munter weiterverwendeten herkömmlichen Schreibung) werden bestimmt alle aufbringen! Wir sind auch sicher, daß die Politiker eine derartige «Abstimmung mit den Füßen» ihrer Bevölkerung […] nicht lange Widerstand leisten werden.
Leserkommantar auf freiewelt.net: «Auch die Redaktion der "Freie Welt" hat die fatalen Änderungen in der Rechtschreibung kritiklos übernommen. Ich rege mich jedes mal auf wenn ich das sehe.»
So sieht die «Jedesmal-Revolution» in der praxis aus: «Ich rege mich jedes mal auf wenn ich das sehe.» Wir werden sehen, ob diese «abstimmung mit den füssen» folgen hat. Oder vielleicht die abstimmung pro «mal» statt «Mal»?
Blitzblatt 2 – Welche Rechtschreibung ist einfacher zu lernen, die herkömmliche oder die sogenannte «neue»?
Die Rechtschreibreform ist 1996 bekanntlich mit dem Anspruch und Versprechen angetreten, das Schreiben vor allem für sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler, aber auch generell für die Bevölkerung leichter zu machen.
Das war nicht nur der anspruch der erfinder der buchstabenschrift, sondern auch all derer, die sie erhalten wollen. Jede rechtschreibreform erhebt diesen anspruch, kann ihn aber selbstverständlich nur einlösen, wenn ein minimum an änderungen akzeptiert wird. Solange nur winzige änderungen möglich sind, wie das 1901 und 1996 der fall war, ist der effekt naturgemäss begrenzt.
Alle, auch Anfänger und Wenigschreiber, müssen erstens die gültige Normalschreibung kennen […], zweitens müssen sie sich zusätzlich merken, wie man nicht schreiben darf […], und drittens sollten sie auch wissen, ob und wie man noch anders schreiben darf […].
Das gilt vielleicht für leute, die gegen geld korrekturarbeiten ausführen. Aber nicht einmal das ist sicher, denn sie (bzw. ihre arbeitgeber) können bestimmen, was und wie sie korrigieren. Bevor anfänger und wenigschreiber zu jedesmal vordringen, sind sie längst an nämlich, Rhythmus, an substantivierungen usw. gescheitert.
Im «Blitzblatt 2» will uns die SOK weismachen, Schiffahrt und 19jährig seien einfacher zu lernen als Schifffahrt und 19-jährig. Bei der getrennt- und zusammenschreibung mag es argumente für die schreibweisen hierzulande und zuleide geben, aber sind sie wirklich einfacher zu lernen? Die beispiele zur gross- und kleinschreibung sind ein horrorkabinett; wenn es um die lernbarkeit geht, kommt nur die substantivkleinschreibung in frage.
Blitzblatt 3 – Korrekturprogramme: in wichtigen Fällen völlig nutzlos!
Oder bei Dir, Dich, dir, deine in einem Brief an die Oma.
Es ist doch erfreulich, dass es leute gibt, die einen brief an die oma durch ein korrekturprogramm prüfen lassen.
Der nutzen von korrekturprogrammen ist allgemein umstritten. Es wird daher niemanden erstaunen, dass sie «in wichtigen Fällen völlig nutzlos» sind. Pech ist natürlich, dass es anscheinend nur für das deutsche und erst seit 1996 gilt.
Die aufkommende KI ist auch nicht besser. In einigen Fällen, z. B. bei von neuem und ähnlichen Ausdrücken, ist seit 2004 auch Großschreibung richtig. Ich möchte aber das Korrekturprogramm sehen, das uns, wenn wir in einem Text zuerst von neuem und auf der nächsten Seite von Neuem oder vor Kurzem tippen, auf die Finger klopft!
Unsere befürchtung geht in eine andere richtung: Genau das wird der ki irgendwann gelingen. Komplizierte regeln und viele ausnahmen sind langfristig kein hindernis. Die menschen werden es nach wie vor nicht schaffen, aber das wird nicht so wichtig sein. Aus diesem grund wird die motivation, die rechtschreibung dem menschen anzupassen, abnehmen. Chinesen und japaner machen es mit ihren schwierigeren schriften vor; dank technischen hilfsmitteln schreiben sie leichter. Aber: «Die Chinesen verlernen das Schreiben.»
Der ausdruck «korrekturprogramme» umschreibt das problem ungenau. Es geht von der veralteten vorstellung aus, dass der mensch schreibt und in einem zusätzlichen arbeitsschritt das geschriebene überprüfen lässt. (Die SOK-leute sind eben alt.) Schreiben besteht immer mehr nicht aus dem malen oder tippen von einzelnen zeichen, sondern aus dem auswählen von etwas vorgegebenem. Dass zwei drittel der menschen nicht wissen, wie man Rhythmus schreibt, macht nichts; die ki weiss es.
Die gesamtbevölkerung soll frei und auf demokratische weise die beliebteren schreibungen und regeln bestimmen können, sagt die SOK. «Seit zwanzig Jahren aber verhindern die Bildungspolitiker genau dies, und zwar mit gewaltigem Druck auf die Wörterbücher und die staatlichen Institutionen, v. a. die Schulen.» Ja, vor allem die schulen. Das liegt daran, dass (auf der ganzen welt und nicht erst seit zwanzig jahren) die bildungspolitiker für die schulen zuständig sind. Sie sorgen z. b. dafür, dass die von ihnen angestellten lehrer einen lohn bekommen, und seit über 20 jahren gibt es den grundsatz: Wer zahlt, befiehlt. Worin soll dagegen der druck auf die wörterbücher bestehen? Sind die wörterbücher von Mackensen («unreformiert») und Ickler («bewährte Rechtschreibung») einem druck ausgesetzt? Nein, die gesamtbevölkerung kauft sie einfach nicht. Die SOK meint natürlich nicht Icklers wörterbuch, sondern den duden. Sie weiss leider nicht, dass Konrad Duden es freudig und ohne druck begrüsste, dass das königl. preussische ministerium der geistlichen, unterrichts- und medizinal-angelegenheiten die verantwortung für die rechtschreibung 1880 an sich zog.
Und wir möchten auch euch dazu anspornen, diese Zumutung einer mangelhaften, verwirrlichen, schwerer zu lernenden und alle möglichen Fehler fördernden Rechtschreibung nicht länger mitzumachen, sondern von Stund an in jedem einzelnen Fall die beste Rechtschreibung anzuwenden.
Ja! Wir sind auch dafür, diese zumutung einer mangelhaften, verwirrlichen, schwerer zu lernenden und alle möglichen fehler fördernden rechtschreibung nicht länger mitzumachen, sondern von stund an in jedem einzelnen fall die beste rechtschreibung anzuwenden: ortografie.ch/beispiel/.
Blitzblatt 4 – Neun Fragen an die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe
Vor 30 Jahren wurden alle [bücher] noch nach jener herkömmlichen Rechtschreibung gedruckt. Ja, es gibt sogar noch heute neue Bücher, die so herauskommen.
Heute noch? Nein, auch die lautesten reformgegner publizieren mittlerweile in neuer rechtschreibung. Das gilt sogar für eine autorin, die an der SOK-tagung mitwirkte, an der das SOK-manifest präsentiert wurde: Claudia Wirz. Sie ist mitautorin eines gleichzeitig erschienenen buchs mit NZZ-kolumnen. Das buch ist weder (1) «einheitlich» (d. h. ohne ß) noch (2) «sprachrichtig» (neue rechtschreibung). Wegen punkt 1 offenbart sich punkt 2 allerdings erst auf seite 18 (kein komma zwischen hauptsätzen und der Einzelne) und dann wieder auf seite 31 (Leis-tungsfähigkeit). Das ist es also, was «fast alle Deutschsprachigen zutiefst schockiert» hat.
Dass die alte ortografie fast 100 jahre nicht verändert wurde, erklärt die SOK nicht damit, dass in der zwischenzeit unzählige reformversuche scheiterten, sondern damit, dass sie sich bestens bewährt habe. «Was hat Herr Duden besser gemacht als die Reformer 1996?» Nichts. Beide haben einen teil ihrer reformwünsche zurückgestellt. Beide haben weder beabsichtigt noch erwartet, dass sich 100 jahre nichts ändert. Die SOK vermutet, dass «die neuen Großschreibungen in wenigen Sitzungen entstanden sein müssen». Die gross- und kleinschreibung sei nach der ablehnung der substantivkleinschreibung «in Eile zu einem Notpaket geschnürt» worden. Das ist natürlich unsinn. Vorschläge für eine vermehrte grossschreibung lagen seit jahrzehnten auf dem tisch. Einige anhänger und einige gegner der substantivkleinschreibung stimmten darin überein, dass bewegung in die eine oder andere richtung einem stillstand vorzuziehen sei.
Auch zu den unbeliebten varianten kann ein blick zurück nicht schaden. «Varianten hatte es in der herkömmlichen Rechtschreibung immer nur extrem wenige gegeben.» Wirklich? Dazu Konrad Duden (Orthographisches Wörterbuch, 8. aufl., 1905.): «Das Ergebnis der Orthographischen Konferenz von 1901 war nur dadurch zustande gekommen, daß die Anhänger verschiedener Richtungen sich gegenseitig Zugeständnisse machten. Das geschah meistens durch Zulassung von Doppelschreibungen […]. Den Gelehrten, die sich über Formen wie Akzent, Kuvert u. dgl. entsetzten, stellte man nach wie vor Accent, Couvert zur Verfügung. So stehen denn die gelehrten Schreibungen oft friedlich neben den volkstümlichen. Das befriedigte aber die nach bestimmten Vorschriften Suchenden durchaus nicht.»
Das alles können leute, für die ortografie vor 1996 ein fremdwort war, nicht wissen.
Blitzblatt 5 – Was spricht für die herkömmliche und gegen die heute gültige «amtliche» Rechtschreibung? Ein Argumentarium.
Die Reformer haben übersehen, dass eine gute Rechtschreibung vor allem auf die Bedürfnisse der Leser, nicht auf die der Schreiber […] Rücksicht zu nehmen hat […].
Einen interessengegensatz zwischen dem schreiber und dem leser bestreiten wir. Er ist ein beliebtes narrativ, wohl basierend auf einem dualismusdenken: Was dem einen nützt, muss dem anderen schaden. Eine gute rechtschreibung ist für alle gut, eine schlechte ist für alle schlecht.
Eine gute Rechtschreibung (egal welcher Sprache) ist erstens einheitlich und zweitens sprachrichtig.
Ist die einheitlichkeit für die schweizerische SOK wirklich so wichtig? Mit der abschaffung des ß ist die Schweiz kein vorbild – und die SOK auch nicht, verfährt sie doch nicht einmal bei ihren 5 «Blitzblättern» einheitlich. Mit recht stellt Robert Nef, mitglied des SOK, «die Grundsatzfrage nach dem Stellenwert der Einheitlichkeit. Wie wichtig ist die rigorose Ausschaltung von Streitfragen und Grenzfällen, wie schädlich ist eine Bandbreite, die regionalen Eigenheiten und persönlichen Vorlieben Raum lässt?» Man muss der SOK nicht widersprechen; das macht sie selbst am besten.
«Sprachrichtigkeit» ist eine erfindung der SOK; sie «besagt, dass die Rechtschreibung und ihre Regeln die mündliche Sprache samt ihrer Struktur möglichst klar und eindeutig abbilden.» Mit «ihrer Struktur» sind wohl grammatik und diachronie gemeint. Unsere meinung: die grammatik ist immer da, mündlich und schriftlich; der schreiber muss dem leser keinen grammatikunterricht erteilen. Die ortografie muss auch keine wortherkunft zeigen. Das macht die mündliche sprache auch nicht, und es widerspricht dem wesen der buchstabenschrift. Mit «eindeutig» ist wohl die unterscheidungsschreibung gemeint, die wir aus den gleichen gründen ablehnen.
Die Politik hat 1996 die Rechtschreibung gekapert. […] Entweder er [der staat] überlässt sie der sprechenden und schreibenden Bevölkerung, die mit ihrer Schwarmintelligenz von selbst immer den besten, zur Zeit sprachrichtigen Zustand findet, oder er setzt eine schlechtere Rechtschreibung mit Gewalt durch.
Die politik hat in der mitte des 19. jahrhunderts die schulrechtschreibung «gekapert». Dass der staat z. b. Vogel mit gewalt durchsetzt, wenn ein schüler fogel schreibt, haben wir schon vor hundert jahren bedauert. Für die grundschule haben wir es akzeptiert. Daneben macht der staat weder der sprechenden noch der schreibenden bevölkerung vorschriften.
Die SOK ruft deshalb heute erstens die Bevölkerung auf, die Reform schlicht und einfach zu ignorieren und in den umstrittenen Bereichen frei die ihr besser scheinenden Varianten zu verwenden, auch wenn diese zur Zeit noch «amtlich falsch» sein sollten. Zweitens ruft sie die Bildungspolitik auf, auf das usurpierte Monopol über die Rechtschreibung […] wieder zu verzichten.
Der Bund für vereinfachte rechtschreibung ruft erstens die bevölkerung auf, die schulrechtschreibung schlicht und einfach zu ignorieren und in den umstrittenen bereichen frei die ihr besser scheinenden varianten zu verwenden, auch wenn diese zur zeit noch «amtlich falsch» sein sollten. Zweitens ruft sie die bildungspolitik auf, auf das usurpierte monopol über die rechtschreibung wieder zu verzichten, auch wenn das weltweit einmalig wäre.
Quantitative überlegungen
Zur erklärung der «gewaltigen» und «anhaltenden» empörung bieten sich die SOK-texte für ein paar quantitative überlegungen an. Nur:
«So viel hat sich auch gar nicht geändert, man muß ziemlich genau schauen, um zu erkennen, welche der beiden [regelungen] vorliegt. Das ist vor allem bei uns in der Schweiz der Fall.
Praktisch kann man nur auf zwei bereiche achten, nämlich auf die ß-schreibung (vor allem dass/daß, hier 62) und die worttrennung am zeilenende.
Von den 10180 wörtern würden 226 ein ß enthalten, wenn man die ß-schreibung auch auf das «schweizerische» Blitzblatt 5 anwenden würde. Gemäss den neuen regeln wären es noch 99 wörter. Das ist auch nicht nichts, dürfte aber doch sicher eher positive auswirkungen auf die für die SOK so wichtige lernbarkeit haben.
Getrennte wörter gibt es in den texten 221; die neuregelung wirkt sich aber nur bei 9 aus, bei 8 st und 1 fremdwort. Trennungen von ck und 3 konsonanten kommen nicht vor.
Das wort jedesmal, dem die besondere aufmerksamkeit der SOK gilt, kommt (abgesehen von beispiellisten) ganze 2 mal vor, zum erstenmal überhaupt nicht. Die «Jedesmal-Revolution», die die SOK ausrufen will, könnte man so umschreiben: «Schreibt jedes 5000. wort anders!» Das wird eine revolution!
Rolf Landolt,