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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

ziele → eigennamengrossschreibung: begründung
nachgeführt , 2020-09-29
ortografie.ch ersetzt sprache.org ortografie.ch ersetzt in zukunft sprache.org
Sinnvolle statt grammatikalische gross­schreibung:

eigennamengrossschreibung

= substantiv­kleinschreibung, gemässigte kleinschreibung

Gross geschrieben werden die satzanfänge, die eigennamen und die höflichkeits­fürwörter der dritten person.

Im weiteren gilt: phf, tht, rhr

regeln

Du ſoll Gott dinen Herren lieben von gantzem dinem hertzen und von gantzer diner ſeel und von gantzem dinem gemüt und den nächſten als dich selbs. Matthäus, 22:37-39

Zitate

In den deutschen Hand­schriften des Mittel­alters und noch in den gedruckten Schriften des 15. Jahrhunderts bestand derselbe Brauch wie in den lateini­schen und griechischen: nur das erste Wort des Satzes bez. der Reihe und der Eigenname wurde mit großen Anfangs­buchstaben geschrieben, so daß das Auge beim Ueber­blicken der Schrift leicht und schnell den Beginn der Sätze und die Eigennamen herausfand. […] Wenn der Gebrauch der großen Anfangsbuchstaben von Haus aus keinen andern Zweck hatte und haben konnte, als die Auf­merksamkeit auf ein vor andern beachtens­werthes Wort hinzulenken, es vor denselben hervor­zuheben, so leuchtet ein, daß die jetzige Verwendung derselben zweckwidrig ist. Sie ist vielmehr, gerade so wie die unglückliche Bezeichnung des Substantivs durch „Haupt­wort“, geeignet, zu der irrigen Annahme zu verleiten, als habe das Substantiv in irgend einer Weise einen Vorrang vor den übrigen Wörtern im Satze zu be­anspruchen.

, sprach­wissenschafter, 1997

Die mit dem »grammatischen Prinzip« motivierte Groß­schreibung der Substan­tive ist ein Anachro­nismus sonder­gleichen.

, Zur ortho­graphischen Frage,

Es gibt wohl nur hie und da einen ortho­graphiſchen Sonderling, der für die großen Anſtäbe der Subſtan­tive noch eine Lanze zu brechen wagt.

Daß ohne irgend einen Nachtheil der Ge­brauch, alle Ding­wörter mit einem gro­ßen Anfangs­buch­staben zu schrei­ben, unter­bleiben kann, erweist der Schrift­gebrauch aller anderen euro­päischen Völker, welche, wie bis zum 16. Jahr­hundert auch das deutsche Volk, außer den Eigen­namen nur das erste Wort am Anfange eines Lese­stückes und nach einem Punkte durch einen großen Anfangs­buchstaben zu dem Zwecke hervor­heben, dem Lesenden den Ueber­blick zu erleichtern.

W.-F. Schubert, 1817

Die gewohnheit, die haupt­wörter mit grossen anfangs­buchstaben zu schrei­ben, hat gar keinen grund in der sprache selbst und beruht so wenig auf einer all­gemeinen sicheren regel, dass wir in vielen fällen gar nicht wissen, wie wir schreiben sollen.

in lateinischen büchern blieben auszer den initialen nur die eigen­namen durch majuskel hervor­gehoben, wie noch heute geschieht, weil es den leser er­leichtert. im laufe des 16 jh. führte sich zuerst schwankend und unsicher, endlich ent­schieden der misbrauch ein, diese aus­zeichnung auf alle und jede substantiva zu erstrecken, wodurch jener vortheil wieder verloren gieng, die eigennamen unter der menge der substantiva sich ver­krochen und die schrift überhaupt ein buntes, schwer­fälliges ansehen gewann, da die majuskel den doppelten oder drei­fachen raum der minuskel einnimmt.

Eins der finstersten Kapitel in unſerer Orthographie ist die Groß­schreibung der Substantive. Erwieſener­maßen ist nicht einmal der ge­bildete Deutsche imstande, in jedem Falle zweifels­frei fehler­los zu schreiben. Das ist heute der Fluch einer harmloſen, aber in ihren Folgen böſen Tat, die fort­zeugend nur böſes gebar. Fromme Mönche in den Klöstern begannen bei der Über­fülle an Zeit, die ſie hatten, ein­zelne Buch­staben auszumalen, zu ver­schnörkeln, zu verzieren, Majus­keln (Groß­buchstaben) zu schaffen und später ſolche zu ver­schiedenen Zwecken zu verwenden. […] und nur der Deutsche hat hernach das unbegreif­liche Substantiv mit der Majuskel­jacke herangezüchtet und quält alle Kinder mit dieſer un­verdaulichen Frucht.

Leo Weisgerber, sprach­wissenschafter, 1974

Eigennamen gehören nicht in derselben weise zum bestand einer be­stimmten sprache wie wörter; es ist also zweck­mässig, sie im zuge des geschriebenen zu signalisieren, und dafür sind grosse anfangs­buchstaben ein geeignetes mittel.

Heinrich Böll, deutscher schriftsteller, 1973

Eine sprache verliert weder an in­forma­tions­wert noch poesie, wenn sie — wie die englische und die dänische — von der gross- zur klein­schreibung übergeht.

H. C. Artmann, öster­reichischer schrift­steller, 1999

die kleinschreibung ist viel sinnlicher.

substantive gehören vom sockel ge­stos­sen und eingereiht, um material und geist in ein neues gleich­gewicht zu brin­gen. nebenbei: auch elfriede jelinek setzt sich für die gleich­wertigkeit aller wort­arten ein. gegner der idee behaupten zwar, dann wisse keiner mehr, warum spinnen spinnen, was die sucht sucht oder wie man dichter dichtet. aber wäre es nicht ein neuer interpretations­spiel­raum für verkrustete gebrauchs­texte? schliess­lich haben schon die lieben genossen die liebe genossen und mit kon­sequenter klein­schreibung helfen wir auch den armen vögeln. es ist also ökologisch, sich mit brüsten zu brüsten.

Lukas Hartmann, Neue Zürcher Zeitung, 16. 8. 2004

Natürlich ist dies eine halb­herzige Re­form; natürlich hätte man ent­schieden weiter gehen und zum Beispiel die gemässigte Klein­schreibung ein­führen müssen.