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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

ziele → eigennamengrossschreibung: begründung
nachgeführt , 2021-01-04
ortografie.ch ersetzt sprache.org ortografie.ch ersetzt in zukunft sprache.org
Sinnvolle statt grammatikalische gross­schreibung:

eigennamengrossschreibung

= substantiv­kleinschreibung, gemässigte kleinschreibung

Gross geschrieben werden die satzanfänge, die eigennamen und die höflichkeits­fürwörter der dritten person.

Im weiteren gilt: phf, tht, rhr

regeln

Du ſoll Gott dinen Herren lieben von gantzem dinem hertzen und von gantzer diner ſeel und von gantzem dinem gemüt und den nächſten als dich selbs. Matthäus, 22:37-39

Zitate

die verfehlungen im gebrauch der majuskeln treten offen zutage, als im barock die fraktur-entwicklung einen höhepunkt erreicht . die zeit­genossen schon wenden sich gegen die entwertung der versalien durch schranken­losen ge­brauch . »anfangs­buchstaben«, so heißt es in der »kunst­reichen schreib­art des paulus fürsten«, 1690, »werden versal genennte, weil sie am anfang des verses stehen, zu anfang der ersten zeile, zu anfang der eigenen namen .« heftig kritisiert man es, daß die groß­buchstaben darüber hinaus von den setzern in dekorativer absicht verwendet werden : »es findet sich in den drucke­reyen kein geringer mißbrauch« – so heißt es weiter – »indem man alle selb­ständige wörter mit einem versal zu setzen pflegt, welches aber in den alten büchern nicht zu finden und nicht recht ist .« werden damals schon in den zeiten der fraktur­herrschaft die versalien am anfang der substanti­ve als miß­bräuchlich empfunden, so tritt der zwiespalt noch offener zutage, als man im 18. jahrhundert die antiqua wieder­entdeckt .

In den deutschen Hand­schriften des Mittel­alters und noch in den gedruckten Schriften des 15. Jahrhunderts bestand derselbe Brauch wie in den lateini­schen und griechischen: nur das erste Wort des Satzes bez. der Reihe und der Eigenname wurde mit großen Anfangs­buchstaben geschrieben, so daß das Auge beim Ueber­blicken der Schrift leicht und schnell den Beginn der Sätze und die Eigennamen herausfand. […] Wenn der Gebrauch der großen Anfangs­buchstaben von Haus aus keinen andern Zweck hatte und haben konnte, als die Auf­merksamkeit auf ein vor andern beachtens­werthes Wort hinzulenken, es vor denselben hervor­zuheben, so leuchtet ein, daß die jetzige Verwendung derselben zweckwidrig ist. Sie ist vielmehr, gerade so wie die unglückliche Bezeichnung des Substantivs durch „Haupt­wort“, geeignet, zu der irrigen Annahme zu verleiten, als habe das Substantiv in irgend einer Weise einen Vorrang vor den übrigen Wörtern im Satze zu be­anspruchen.

neu , Die Ortho­graphie in den Schulen Deutsch­lands, , s. 168

Es iſt beachtens­wert, daß die älteren Grammatiker, auch wenn ſie dem aus­gedehnten Gebrauch der großen Buch­ſtaben nicht günſtig ſind, ſich doch gleich­mütig und gelaſſen über denſelben aus­ſprechen. So lange es eine freie und ver­änderliche Gewohnheit war, kam man nicht zum Bewußt­ſein, zu welchen Quälereien die regel­mäßige Bezeichnung einer grammatiſchen Kategorie führen würde. Der einzige Friſch, der ſprachen­kundigſte und ein­ſichtigſte der älteren Grammatiker, ſpricht ſich mit voller Energie dagegen aus: „Wann unter allen Schreiber-Laſten, die man nach und nach den Ein­fältigen auf­gebürdet hat, eine be­ſchwerlich iſt, und dabei ungegründet, ſo iſt es dieſe: Daß man alle Subſtantiva mit großen Buchſtaben ſchreiben müſſe“. Aber Friſch vermochte es nicht, den Strom zurück­zuhalten; nach ihm kam Gottſched, der in ſeinem Gelehrten­ſtolz mit Ver­achtung auf die Sprach­lehrer ſchaute, „die uns, oder vielmehr nur dem Pöbel, das Schreiben dadurch zu erleichtern geſucht, daß ſie alles, was eine Schwierig­keit machen kann, weg­zuſchaffen gelehret. Das hieße ja nach Erfindung des Getreides zu den Eicheln um­kehren.“ Dieſe Anſchauungen ſiegten.

, sprach­wissenschafter, 1997

Die mit dem »grammatischen Prinzip« motivierte Groß­schreibung der Substan­tive ist ein Anachro­nismus sonder­gleichen.

, Zur ortho­graphischen Frage,

Es gibt wohl nur hie und da einen ortho­graphiſchen Sonderling, der für die großen Anſtäbe der Subſtan­tive noch eine Lanze zu brechen wagt.

Daß ohne irgend einen Nachtheil der Ge­brauch, alle Ding­wörter mit einem gro­ßen Anfangs­buch­staben zu schrei­ben, unter­bleiben kann, erweist der Schrift­gebrauch aller anderen euro­päischen Völker, welche, wie bis zum 16. Jahr­hundert auch das deutsche Volk, außer den Eigen­namen nur das erste Wort am Anfange eines Lese­stückes und nach einem Punkte durch einen großen Anfangs­buchstaben zu dem Zwecke hervor­heben, dem Lesenden den Ueber­blick zu erleichtern.

, Ueber den gebrauch …,

Die gewohnheit, die haupt­wörter mit grossen anfangs­buchstaben zu schrei­ben, hat gar keinen grund in der sprache selbst und beruht so wenig auf einer all­gemeinen sicheren regel, dass wir in vielen fällen gar nicht wissen, wie wir schreiben sollen.

in lateinischen büchern blieben auszer den initialen nur die eigen­namen durch majuskel hervor­gehoben, wie noch heute geschieht, weil es den leser er­leichtert. im laufe des 16 jh. führte sich zuerst schwankend und unsicher, endlich ent­schieden der misbrauch ein, diese aus­zeichnung auf alle und jede substantiva zu erstrecken, wodurch jener vortheil wieder verloren gieng, die eigennamen unter der menge der substantiva sich ver­krochen und die schrift überhaupt ein buntes, schwer­fälliges ansehen gewann, da die majuskel den doppelten oder drei­fachen raum der minuskel einnimmt.

Eins der finstersten Kapitel in unſerer Orthographie ist die Groß­schreibung der Substantive. Erwieſener­maßen ist nicht einmal der ge­bildete Deutsche imstande, in jedem Falle zweifels­frei fehler­los zu schreiben. Das ist heute der Fluch einer harmloſen, aber in ihren Folgen böſen Tat, die fort­zeugend nur böſes gebar. Fromme Mönche in den Klöstern begannen bei der Über­fülle an Zeit, die ſie hatten, ein­zelne Buch­staben auszumalen, zu ver­schnörkeln, zu verzieren, Majus­keln (Groß­buchstaben) zu schaffen und später ſolche zu ver­schiedenen Zwecken zu verwenden. […] und nur der Deutsche hat hernach das unbegreif­liche Substantiv mit der Majuskel­jacke herangezüchtet und quält alle Kinder mit dieſer un­verdaulichen Frucht.

Leo Weisgerber, sprach­wissenschafter, 1974

Eigennamen gehören nicht in derselben weise zum bestand einer be­stimmten sprache wie wörter; es ist also zweck­mässig, sie im zuge des geschriebenen zu signalisieren, und dafür sind grosse anfangs­buchstaben ein geeignetes mittel.

Heinrich Böll, deutscher schriftsteller, 1973

Eine sprache verliert weder an in­forma­tions­wert noch poesie, wenn sie — wie die englische und die dänische — von der gross- zur klein­schreibung über­geht.

H. C. Artmann, öster­reichischer schrift­steller, 1999

die kleinschreibung ist viel sinnlicher.

[…] für große anfangs­buchstaben sehe ich über­haupt keine gründe ! das pochen auf die über­lieferung, auf geschichte und alte gewöhnung ist ja keines­wegs triftig . die regel: »haupt­wörter sind groß zu schreiben«, übersieht, daß im rhythmischen strome der sprache das gramma­tische hauptwort oft das neben­sächliche wort wird: wir opfern den sinn unserer sätze den schemati­schen formen !

substantive gehören vom sockel ge­stos­sen und eingereiht, um material und geist in ein neues gleich­gewicht zu brin­gen. nebenbei: auch elfriede jelinek setzt sich für die gleich­wertigkeit aller wort­arten ein. gegner der idee behaupten zwar, dann wisse keiner mehr, warum spinnen spinnen, was die sucht sucht oder wie man dichter dichtet. aber wäre es nicht ein neuer interpretations­spiel­raum für verkrustete gebrauchs­texte? schliess­lich haben schon die lieben genossen die liebe genossen und mit kon­sequenter klein­schreibung helfen wir auch den armen vögeln. es ist also ökologisch, sich mit brüsten zu brüsten.

Lukas Hartmann, Neue Zürcher Zeitung, 16. 8. 2004

Natürlich ist dies eine halb­herzige Re­form; natürlich hätte man ent­schieden weiter gehen und zum Beispiel die gemässigte Klein­schreibung ein­führen müssen.

neu , Neue Zürcher Zei­tung,

Dass die Be­strebungen zur Ein­führung der Klein­schreibung nun mit der amtli­chen Absegnung einer modifizierten Gross­schreibung auf­gegeben würden, ist aller­dings auf weitere Sicht kaum an­zunehmen.