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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

stichwort → ß
ortografie.ch ersetzt sprache.org ortografie.ch ersetzt in zukunft sprache.org

ß

Deutsches schriftzeichen für die wiedergabe des stimmlosen s-lautes. In den schulen der Schweiz und Liechten­steins wird es nicht gelehrt und durch ss ersetzt.

stichwort

s

das

presseartikel, internet

Andreas Geldner, Das Dreierles-S. Stuttgarter Zeitung, 18. 7. 1998

Oliver Jungen, Da ist Fraktur in meiner Buchstabensuppe! Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. 11. 2002

Sigfried Schibli, Der späte Sieg eines Aussenseiters. Basler Zeitung, 29. 5. 2007

Liebe Rechtschreibreform! pfaelzischer-merkur.de, 12. 2. 2010

Inge Müncher, Die s-Regel der Rechtschreibreform kritisch betrachtet. stolzverlag.de, 13. 12. 2012

h.r., Reisefreiheit nur mit scharfem S. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. 8. 2018

extern

Wikipedia, artikel «ß»

facebook.com/versaleszett

signographie.de: Versal-Eszett: Neuigkeiten und Hintergründe


Pro

Nicht als neues Schrift­zeichen iſt ß an die Stelle des Mhd. ʒ getreten, ſondern hat ſich un­mittelbar daraus […] entwickelt. Kurz das geht nicht, daß man einen Buchſtaben, an den ſich das leſende und ſchreibende Publikum vier Jahr­hunderte hindurch gewöhnt hat, kurzweg durch einen andern erſetzt […]. Dieſe […] Art, die darin beſteht, daß man das ß in Lateini­ſcher Schrift einfach beibehält, iſt […] in der That die geeignetſte; denn ſie ſichert vor allen Dingen den Beſtand dieſes unſerer Sprache ureigenen und un­entbehrlichen Buch­ſtaben und wahrt ihm ſeinen Karakter als dentaler Neben­aspirata des z.

literaturcafe.de, 3. 7. 2008

»In der deutschen Rechtschreibung ist das ß durchaus unentbehrlich, und ge­gen seine Beseitigung, die in der neuen Schweizer Schulschrift leider durch­geführt ist, sollte sich jeder wehren.« Das schrieb der berühmte Typograf Jan Tschichold in seinem Meister­buch der Schrift bereits 1952.

Hermann Unter­stöger, Süd­deutsche Zeitung, 28. 10. 2010

Immerhin verfügt das Deutsche im „ß“, dem „Eszett“ oder „scharfen S“, über eine Art Allein­stellungs­merkmal, wenn auch nur in seiner Schrift. Die Aussprache ist nämlich bei weitem nicht präzise genug, als dass sich aus ihr der rechte Gebrauch des „ß“ schlüssig herleiten ließe. […] Tatsächlich kann man mit Rückgriff auf die zweite Laut­verschiebung die These vertreten, dass nicht nur die Konjunktion „dass“, sondern auch der Artikel „das“ mit „ß“ respektive, nach der letzten Orthographie­reform, mit „ss“ ge­schrieben werden sollte […]. Ausge­sprochen werden sie gleich, doch ist es eine zweifellos nützliche Übereinkunft, dem strukturellen Unter­schied zwischen ihnen durch eine unterschiedliche Schreibung Rechnung zu tragen.

Kontra

Das ß iſt ein hoͤchſt al­berner Buchſtab. Ein reines s oder ſſ kan uns die naͤmlichen Dienſte, wie andern Spra­chen, thun.

Entschliessung des deutschen germanisten­tages vom 14. 2. 1973

ß kann durch ss ersetzt werden.

Basler Zeitung, 29. 5. 2007, s. 3, rubrik Bazillus

Ein schlagendes Argument gegen das scharfe S hat der aus Deutschland stam­mende Basler Typograf Jan Tschichold, eine Welt­autorität notabene, schon vor über sechzig Jahren geliefert. 1943 schrieb Tschichold, das scharfe S sei eine «Monstrosität», weil es als Buch­stabe aus der (bei den National­sozialisten beliebten) Fraktur­schrift schlicht nicht in die damals wie heute übliche Antiqua­schrift passe. Recht hatte und hat er. Aber wer liest heute schon das «Basler Schulblatt» von 1943, in dem Tschichold seine Erkenntnis versenkte?

Marcel Reich-Ranicki, Der Spiegel, 14. 10. 1996

Der Buchstabe "ß" ist überflüssig, ich werde, ähnlich wie das Volk der Hirten und Bankiers, künftig "ss" schreiben.

Urs Bühler, Neue Zürcher Zeitung, 20. 11. 2018

Schliesslich hat der hier­zulande seit Jahr­zehnten praktizierte Verzicht auf das mitunter differenzie­rende Eszett diese Nation auch nicht in eine Flut der Miss­verständnisse gestürzt. Gut, vielleicht bechert mancher Patient auf den schriftlichen Rat seines Arztes hin, den Alkohol nur noch in Massen zu ge­niessen, massen­weise statt mit Mass. Aber dahinter steckt wohl eher eine mutwillige Fehl­interpretation als ein ortho­graphisches Problem.

Florian Asamer, Die Presse, 2. 7. 2017

Es lässt sich ohne großes Risiko die Prognose wagen, es wird dem scharfen s, noch bevor alle Schriften und Fonds den neuen Groß­buchstaben über­nommen haben, nach und nach an den Kragen gehen. Zu art­fremd ist es unter den inter­national geläufigen Zeichen.

Sonderfall Schweiz

neu , Die Ortho­graphie in den Schulen Deutsch­lands, , s. 164

Ebenſo wie nun ſ und s in lateini­ſcher Schrift zuſammen­fallen, hat ein weit ver­breiteter Gebrauch auch den Unter­ſchied zwiſchen ß und ſſ aufgegeben, indem man für beide ss anwendet, alſo un­bezeichnet läßt, ob der vor­hergehende Vokal lang oder kurz iſt. Maße oder Maſſe werden auf gleiche Weiſe ge­ſchrieben: Masse. Dieſer übeln Sitte aber hatte das Berliner Regel­buch nicht nach­gegeben; es ſetzte ſs für ß, ss für ſſ feſt; ebenſo Raumer, die ortho­graphiſche Konferenz, die amtlichen Regel­bücher.

, Frank­furter Rund­schau,

Dabei könnte ein Blick auf die Schweiz zeigen, dass die Kommuni­kation auch funktioniert, wenn man den Plural von "Bus" genauso schreibt wie das, was in Deutschland "Buße" heißt: "Busse" – das "ß" ist in der Schweiz schon lange ab­geschafft.

Peter Müller, sok.ch, 26. 11. 2007

Wie in Deutschland kannten die frühen Antiqua­drucke in der Schweiz kein Eszett, obwohl die Zweite Ortho­graphische Konferenz von 1901 es auch für Antiqua zwingend vor­schrieb. Der Beschluss wurde in Deutschland nach und nach umgesetzt, in der Schweiz (und in Liechten­stein) aber nie durch­gängig. […] Seit Beginn des 20. Jahr­hunderts wurde das Eszett in der Schweiz mehr und mehr durch ein Doppel-s ersetzt.

ein wichtiger faktor

Die schweizerischen schreib­maschinen (und nach wie vor die kompjuter­tastaturen) ent­halten französische zeichen, aber kein ß (und keine grossen umlaute).

tastatur (flickr.com/photos/shordzi)
verweise

Abschaffung des Schleifen-S in der Schule. Neue Zürcher Zeitung,

Peter Gallmann, Warum die Schweizer weiterhin kein Eszett schreiben. Sprachspiegel, 8. 1996

Stine Wetzel, Die Geschichte des verlorenen Buchstabens. Tagblatt der Stadt Zürich, 29. 2. 2012

Barbara Frolik, Wieso verwenden die Schweizer eigentlich kein ß? wordweb.ch, 27. 1. 2010

19. jahrhundert, 1901

I. ortografische konferenz: reißen, Fuß, Fluſs, daſs

Für die antiqua war kein ß vorgesehen, sondern eine (von der fraktur abweichende) kombination von lang- und schluss-s: reiſsen, Fuſs, Fluss.

neu , Die Ortho­graphie in den Schulen Deutsch­lands, , s. 159

Ebenſo wenig wie das einfache ſ duldeten die Schreiber ſſ im Auslaut. Wäre nun der Gebrauch in gleicher Weiſe ausgebildet, ſo ſollten wir ſs ſchreiben, und in der That hat dieſes Zeichen einſt gegolten. Kolroß (Bl. B Vb) ſchreibt: „Es ſtodt ouch das kurtz s artlich und wol am langen im vßgang ſo mans dupp­lieren můſs. Exemplum: ſchloſs, ſchoſs, ſproſs, ſpiſs, gewiſs etc.; in mitten aber, ſo mans ſoll dupplieren, ſtond die langen baſs, als wiſſen, Wyſſenburg“. Aber das Zeichen ſs drang nicht durch, ß ſetzte ſich auch als Ver­treter des ſſ feſt, und als Gott­ſched für den Inlaut die An­wendung von ß und ſſ nach der Quantität des vor­hergehenden Vokales regelte, dachte er gar nicht daran, dieſen Geſichts­punkt auch auf den Auslaut an­zuwenden. Dieſer Gebrauch hat nun den Mangel, daß wir zwar in Füße und Schüſſe, nicht aber in Fuß und Schuß die Quantität be­zeichnen. Heyſe verſuchte eine Reform, indem er nach kurzem Vokal anfangs ſſ, ſpäter wie Kolroß ſs verlangte. Aber obwohl dieſe ver­ſtändige, unſere Ortho­graphie konſequent und ſchonend weiter bildende Regel viele Freunde und warme Für­ſprecher gefunden hat, gewann ſie doch verhältnis­mäßig geringe Ausbreitung. Die bayriſche Orthographie nahm die Gottſched-Adelungſche Schreib­weiſe auf, und ihr ſind die übrigen Regel­bücher gefolgt.

Neuregelung von 1996

ß nur noch nach langem vokal und diftong, nicht mehr an der morfemgrenze. Also ersatz einer typografischen regel durch eine ausspracheregel.

Uwe Wittstock, Focus, 1. 8. 2011, s. 72

[…] ZDF-Journalistin und Sachbuch­autorin Petra Gerster […]: Ich sehe das oft in meinem Redaktions­alltag. Viele jüngere Kollegen finden die ß-Regeln so schwierig, dass sie das ß gar nicht mehr benutzen und nur noch ss schreiben.

Bravo!

Notbehelf bei fehlendem ß

Der Große Duden; Recht­schreibung, 11. aufl., 1934, s. 12
Bei Benut­zung von Schreib­maschinen, die noch kein ß ent­halten, gebrauche man als Not­behelf auch in Klein­schrift ss.
Duden, die deutsche Recht­schreibung. 27. aufl., 2017, D 160
Fehlt das ß (z. B. bei einem Computerprogramm), schreibt man dafür ss.

Wort­trennung am zeilen­ende

Duden, die deut­sche Recht­schrei­bung. 20. aufl., 1991
Duden 1991
Duden, die deut­sche Recht­schrei­bung. 25. aufl., 2009
Duden 2009

In der Schweiz galt schon immer diese regelung. Nach 1996 – nicht vorher – tauchte in der Schweiz vereinzelt die alte dudenschreibweise auf (fundsachen).

Grossbuchstabe

Duden, Recht­schrei­bung, 1915, s. XII
Für ß wird in großer Schrift sz angewandt, z. B. MASZE (Maße) – aber MASSE (Masse) –, STRASZE, PREUSZEN, Meiszner, Vosz. Die Verwendung zweier Buch­staben für einen Laut ist nur ein Not­behelf, der aufhören muß, sobald ein ge­eigneter Druck­buchstabe für das große ß ge­schaffen ist.
Der Große Duden; Recht­schrei­bung, 12. aufl., 1942, s. 16
Für ß wird in großer Schrift all­gemein SS angewandt, z. B. STRASSE, PREUSSEN, doch kann man, um Ver­wechslungen vor­zubeugen, auch SZ an­wenden […]. [Fussnote:] Die […] Regel, daß für ß »in großer Schrift sz«, also SZ, ein­tritt, hat sich nicht durch­gesetzt.

Das „ß“ fällt auch dadurch auf, dass es keinen Groß­buchstaben zur Seite hat. […] Seit 130 Jahren wird über ein großes „ß“ nach­gedacht, bisher ohne über­zeugen­des Ergebnis, was darauf hin­deutet, dass es die Sprach­gemeinschaft ohne Schmerz entbehren kann.

der_weisse_wal, Spiegel Online, Forum, 29. 6. 2017

Ein großes "ß" gab es bisher im Deut­schen auch deshalb nicht, weil in den alten deutschen Schriften nicht komplett IN VERSALIEN GE­SCHRIEBEN werden durfte. Das war typo­grafisch falsch. […] Der Computer erlaubt das, die Regeln für den Schrift­gebrauch nicht.

Duden, die deutsche Recht­schreibung. 27. aufl., 2017, D 160

Bei Ver­wendung von Groß­buchstaben steht traditionellerweise SS für ß. In manchen Schriften gibt es aber auch einen ent­sprechenden Groß­buchstaben; seine Ver­wendung ist fakultativ.

In Dokumen­ten kann bei Namen aus Gründen der Ein­deutigkeit auch bei Groß­buchstaben an­stelle von Doppel-s bzw. großem Eszett das kleine ß ver­wendet werden.

Darüber hinaus empfiehlt der Rat den staat­lichen Stellen eine […] Er­weiterung des Regel­werks […]: Die Er­weiterung betrifft die Ergänzung um einen dem Klein­buchstaben <ß> ent­sprechenden Groß­buchstaben - nicht zuletzt, um für amt­liche Zwecke, ins­besondere Per­sonal­dokumente wie Personal­ausweis und Pass, die Ein­heitlichkeit der Schreib­weise z. B. von Personen­namen zu sichern.

Freilich wird ein großes ß ein Nischen­dasein fristen, denn selten schreibt man in GROß­BUCHSTABEN, und ein Wort mit einem ß am Anfang gibt es im Deut­schen nicht. Ob es der neue Buch­stabe auf das offizielle Tastatur­layout schaffen wird, bleibt offen.